Jede Scheidung verläuft mit großen Belastungen für die Betroffenen, unter welchen die gegenseitigen Verletzungen und Kränkungen wahrscheinlich die gravierendsten sind. Reinhard Haller weiß: „Noch schwerer als der ohnehin mit viel Ärger und Stress verbundene formale Scheidungsprozess sind die emotionale Trennung, die oft sehr feindselige Distanzierung vom Partner und der Neuanfang zu bewältigen.“ Die psychosozialen Wissenschaften, die sich angesichts des epidemieartigen Anstiegs von Partnerschaftstrennungen und Scheidungen vermehrt mit den gesundheitlichen Problemen der Betroffenen befassen, unterscheiden im Trennungsprozess drei Phasen. Erstens die desillusionierende, durch viele Auseinandersetzungen und Kränkungen belastete Entscheidungsphase, in der es zur Zerrüttung der Ehe kommt. Prof. Dr. med. Reinhard Haller war als Psychiater, Psychotherapeut und Neurologe über viele Jahre Chefarzt einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Klinik. Heute führt er eine fachärztliche Praxis in Feldkirch (Österreich).
Die Trennungssituation führt zu erheblichen gesundheitlichen Problemen
Zweitens die mit großem Stress und vielen Kränkungsgefühlen verbundene juristische Phase, in der die Trennung formal durchgeführt wird. Drittens schließlich die Phase des Getrenntseins, in der Neuorientierung, Reorganisation des Lebens und Integration in neue soziale Bezüge erfolgen sollen. Reinhard Haller erklärt: „Im Zusammenhang mit der Trennungssituation treten nahezu regelmäßig, auch das belegen diese Studien, erhebliche gesundheitliche Probleme auf, vor allem psychischer Natur.“ Kränkungen durch Scheidungen machen also tatsächlich krank. Nur ein sehr kleiner Teil der Scheidungsopfer, der je nach Untersuchung zwischen fünf und fünfundzwanzig Prozent liegt, fühlt sich gesundheitlich nicht ernsthaft angeschlagen.
Reinhard Haller erläutert: „Am häufigsten kommt es zu Depressionen, vor allem bei Frauen, zu neurotischen und psychosomatischen Reaktionen und – insbesondere bei Männern – zu Alkoholmissbrauch. In den letzten Jahren ist bei Scheidungsbeteiligten der Verbrauch von Beruhigungsmitteln dramatisch angestiegen.“ Bei Auflösung von nichtehelichen Partnerschaften und Lebensgemeinschaften, mit welchen eher jüngere Personen fertig werden müssen, wird ein zunehmender Drogeneinsatz, bevorzugt von aufputschenden Substanzen beobachtet.
Die Sterblichkeitsrate ist nach Trennungen stark erhöht
Fast noch erschreckender sind die meist gar nicht bewussten indirekten Gesundheitsschäden infolge von Scheidungen. Reinhard Haller stellt fest: „In mehreren wissenschaftlichen Untersuchungen wurde nachgewiesen, dass die Sterblichkeitsrate nach Trennungen durch Lungenkrebs – Rauchen –, Leberzirrhose – Alkohol –, Diabetes mellitus – ungesunde Ernährung, Kummerspeck –, Herz- und Kreislauferkrankungen – Stress und Existenzängste –, Tuberkulose – Verwahrlosung – und sogar Mord stark erhöht ist.“
Die Suizidrate ist bei Geschiedenen mit eindeutiger Dominanz des in solchen Situationen viel aggressiver reagierenden männlichen Geschlechts um das Vier- bis Fünffache erhöht. Als besonders kritisch gilt die Phase unmittelbar nach der endgültigen Trennung. Reinhard Haller fügt hinzu: „Ausnehmend belastend ist die mit vielen gegenseitigen Verletzungen verbundene Entscheidungsphase. Neben den mit hohem „Kampfstress“ verbundenen Auseinandersetzungen spielen hier typische Kränkungselemente wie Enttäuschung, Entwertung und manifeste Verletzung – auch körperlich – eine wichtige Rolle.“ Quelle: „Die Macht der Kränkung“ von Reinhard Haller
Von Hans Klumbies
