Es gibt immer mehrere Wahrheiten

Aus scheinbar demselben Blickwinkel entstehen je nach Stimmung, Erwartung oder Vorerfahrung ganz andere Bilder. Pablo Picasso hat dieses Phänomen einmal in genialer Kürze auf den Punkt gebracht: „Wenn es nur eine Wahrheit gäbe, könnte ich nur ein Bild malen.“ Das Wort Wahrheit in den Plural zu setzen, erschein vielen Menschen ein Gräuel. Axel Braig empfindet dagegen umgekehrt den Versuch, die eine Wahrheit, etwa über eine Blume, etablieren zu wollen als engstirnig und tyrannisch. Und er wehrt sich gegen den Versuch, eine bestimmte Beschreibung mit der Behauptung zu privilegieren. Nämlich dass die Blume „in Wirklichkeit“ oder „eigentlich“ so oder so sei. Stattdessen ist Axel Braig daran interessiert, möglichst viele Sichtweisen kennen zu lernen. Axel Braig wandte sich nach Jahren als Orchestermusiker und Allgemeinarzt erst spät noch einem Philosophiestudium zu.

Schlichte Erklärungen reichen oftmals aus

Und er neigt dazu, statt sich auf eine Entscheidung zwischen entweder und oder einengen zu lassen, für ein sowohl als auch zu plädieren. Axel Braig betont: „Diese Haltung kann nicht nur Konflikte entschärfen, sie lässt die Welt auch vielfältiger und interessanter erscheinen. Das Bewusstsein dafür, dass wir uns über jeden Gegenstand verschiedene Wahrheiten erzählen können, erlaubt auch mehr Gelassenheit gegenüber angeblich neuen Wahrheiten.“ Bei vielen Wahrnehmungen erscheint es sinnvoll, einen gewissen Bereich anzugeben, in dem die entsprechenden Annahmen sinnvoll sind.

Zur Bewältigung des Alltags sind häufig sehr schlichte Erklärungen, die man auch als regionale Wahrheiten bezeichnen könnte, vollkommen ausreichend. Axel Braig nennt ein Beispiel: „Wenn ich von A nach B unterwegs bin, bewege ich mich in meiner Wahrnehmung entweder geradeaus oder eben nach links oder rechts.“ Die Vorstellung, dass die Erde eine Kugel ist, erscheint dabei meistens entbehrlich. Und die Information, dass man sich entlang der Erdkrümmung bewegt, kompliziert jede Beschreibung unnötig.

Die bildende Kunst darf fast alles

Durch die Erfindung der Photographie konnte die bildende Kunst ab Mitte des 19. Jahrhunderts neue Wege gehen. Die Photographen konnte die Welt schnell und genau abbilden. Daher wurden die bildenden Künstler von dieser Aufgabe weitgehend befreit. Wenn ein Maler heutzutage Kühe in roter Farbe und womöglich so darstellt, dass sie kaum mehr als solche zu erkennen sind, muss er nicht mehr befürchten, dass ihm das vorgeworfen wird.

Eher wird man danach fragen, was er damit ausdrücken will. Die bildende Kunst darf vielleicht nicht alles, aber jedenfalls viel mehr als vor 150 Jahren. Axel Braig stellt fest: „Die Ausdrucksmittel wurden erweitert und der Bezug zur sichtbaren Natur immer mehr gelockert. Ja in der abstrakten Malerei sogar aufgehoben.“ Bildende Kunst möchte womöglich schön, phantasievoll, ausdrucksstark, provokant, anregend oder interessant sein. Für ein getreues Abbild der Welt gibt es dagegen seitens der Kunst kaum noch Bedarf. Quelle: „Über die Sinne des Lebens und ob es sie gibt“ von Axel Braig

Von Hans Klumbies

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