Diana Pflichthofer stellt fest: „Gegenwärtig kann man der Psyche und Psychischen kaum noch entkommen. Überall scheint gecoacht oder therapiert zu werden, man ist achtsam, auf der Suche nach dem „inneren Kind“, auf der Suche nach seinem ADHS – Aufmerksamkeitsdefizit und Hyperaktivitätssyndrom –, neuerdings auch nach seinem Autismus – vom Asperger-Typ, versteht sich.“ Ansonsten bleibt vielleicht noch die Hypersensibilität. Es gibt neuerdings „toxische Beziehungen“, jede Menge „Trigger“, Mental-Health-Coaches, Narzissten und Neurodiverse. Bei dem reichhaltigen Angebot dürfte eigentlich für fast jeden eine passende oder passend zu machende psychische Diagnose dabei sein. In jedem Falle lässt sich damit hervorragend Geld verdienen. Das gehört zu den Gesetzen des Marktes: Schaffe Bedürfnisse, damit du sie befriedigen kannst. Schaffe Erkrankungen, damit du „Therapien“ anbieten kannst. Dr. Diana Pflichthofer ist Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalytikerin und Gruppenanalytikerin.
Modediagnosen werden ziemlich kritiklos hingenommen
Nun ist es häufig entlastend, wenn das Kind einer Namen hat. Allerdings ist es dabei nicht immer hilfreich, wenn es auch ein Kind dazu gibt, das Kind den richtigen Namen trägt und wenn nicht plötzlich alle Kinder den gleichen Namen bekommen. Diana Pflichthofer erklärt: „Und eben das schein manchmal zweifelhaft. Diagnosen, insbesondere aktuelle Modediagnosen, werden mit viel Verve in den Medien und den sogenannten sozialen Netzwerken gehypt und – besonders bemerkenswert – ziemlich kritiklos hingenommen.“
Manchmal scheint es fast, als löse es regelrecht Erleichterung und Entspannung aus, wenn endlich eine solche Diagnose gestellt wird. Diana Pflichthofer ergänzt: „Das ist bemerkenswert, wo wir uns doch einerseits – zu Recht – sehr bemühen, Menschen nicht zu etikettieren und damit zu stigmatisieren oder sie von ihren „Labeln“ und Stigmatisierungen zu befreien. Wo doch viele Menschen, gerade wenn sie mit dem Gedanken spielen, eine psychotherapeutische Praxis aufzusuchen, Angst davor haben, in eine Schublade gesteckt zu werden, aus der sie dann lebenslang nicht wieder heraus kämen.“
Mit dem Begriff „Neurodiversität“ wird ein neuer Markt geschaffen
Woher rührt die Erleichterung, wenn man eine Diagnose bekommen hat – „Gott sei Dank, jetzt weiß ich, ich habe ADHS“? Allerdings scheinen gerade an dieser Stelle die Diagnose und die damit einhergehende Pathologisierung auch nicht mehr zu beruhigen, und da kommt der Begriff der Neurodiversität ins Spiel. Diana Pflichthofer erläutert: „Dieser soll gerade „entlabeln“, indem seelische oder kognitive Probleme als eine neurologische Spielart der menschlichen Natur eingeordnet werden, ohne dass man sich pathologisieren lassen muss.“
Aber auch mit diesem Begriff wird ein neuer Markt geschaffen, denn „Neurodiversität“ bietet ein sehr, sehr großes Dach, unter dem sich viele versammeln können, sodass es dabei letztlich auch nicht mehr weiterhilft, etwas erkennen und verstehen zu können. Diana Pflichthofers Vermutung ist: „Die Diagnose einer vermeintlich psychischen Erkrankung erscheint manchmal als das kleinere Übel.“ Es ist womöglich besser auszuhalten, etwas Bestimmtes zu haben, das zudem allgemein anerkannt zu sein scheint, als sich selbst nicht zu verstehen. Quelle: „Die Psychoindustrie“ von Diana Pflichthofer
Von Hans Klumbies
