Das Konzept der Sünde kam zwar erst spät in der Menschheitsgeschichte auf, ist jedoch wesentlich älter das Christentum. Annette Kehnel blickt zurück: „Am Anfang war ein Störgefühl. Ein Gespür dafür, dass Menschen – warum auch immer – durch ihre bloße Existenz die kosmische Ordnung durcheinanderbringen. Dieses Unbehagen schlägt sich nieder in Versuchen der Widergutmachung und des Ausgleichs, wie sie in vielen alten Kulturen aufscheinen.“ Dazu gehören Opferkulte zur Beschwichtigung der Naturgewalten, Regeln der Zurückhaltung, Verbote, sogenannte Tabus, oder auch die Vorstellungen postmortaler Wiedergutmachung. Dabei handelte es sich um die Idee, dann eine Seele nach den Tod erst dann zur Ruhe kommt, wenn all die Verletzungen, all die negativen Spuren, die ihr Täger zeitlebens hinterlassen hat, durch positive Taten ausgeglichen sein werden. Annette Kehnel ist Inhaberin des Lehrstuhls für Mittelterliche Geschichte an der Universität Mannheim.
Bei der Idee der Seelenwanderung spielt Orpheus eine zentrale Rolle
Das heißt, die Seele wird nach dem Tod des Körpers weiterexistieren, wird reinkarniert, muss wandern. Bis das Gleichgewicht wieder hergestellt ist. Annette Kehnel vermutet: „Diese Idee reicht möglicherweise zurück bis ins 2. Jahrhausend v. Chr., lässt sich jedoch erstmals in indischen Quellen des 7. und 6. Jahrhundert v. Chr. fassen.“ Ungefähr dieser Zeit taucht die Vorstellung der Seelenwanderung auch in Griechenland auf. Hier spielt Orpheus, der mythische Urvater der Musik, Kind des Gottes Apollo und der Muse Kalliope, eine zentral Rolle.
Er konnte so wunderbar singen, dass Menschen und Tiere gleichermaßen in seinen Bann gerieten. Ja sogar die Felsen vergossen Tränen, wenn er seine Lyra spielte. Annette Kehnel ergänzt: „Doch dieser außergewöhnlichen Gabe – die nicht schöner den Einklang des Menschen mit dem natürlichen Gleichgewicht zum Ausdruck bringen könnte – was das das Gefühl, dass etwas nicht stimmte.“ Es rührte von der Trauer, vom Leiden des Menschen am natürlichen Lauf der Dinge.
Orpheus gelang der Abstieg in die Unterwelt
Und der arme Orpheus litt unendlich. Er vermisste seine geliebte Gefährtin Eurydike. Sie war weg. Annette Kehnel kennt den Grund: „Von einem Göttersohn vergewaltigt, von einer Schlage gebissen, tot. Es waren die Götter, die Gewalt der Natur, die ihm sein Liebstes entrissen hatten.“ Der arme empfindsame Orpheus mochte das nicht zu akzeptieren. Und weil er ein Liebling der Götter und so überaus musikalisch und so überaus verzweifelt war, gelang ihm das Unmögliche: der Abstieg in die Unterwelt.
Hades, der Gott der Unterwelt, warnte Orpheus, dass er sich auf dem Weg aus der Unterwelt kein einziges Mal nach seiner Geliebten umsehen dürfe. Annette Kehnel schreibt: „Der Aufstieg verlief zunächst reibungslos, Orpheus voraus, Eurydike hinterher: Kurz vor dem Tor zu Welt der Lebenden fiel Orpheus jedoch plötzlich auf, dass er die Schritte seiner Eurydike nimmt mehr hören konnte. Reflexhaft drehte er sich zur ihn um – und augenblicklich sankt die Geliebte zurück ins Totenreich.“ Quelle: „Die sieben Todsünden“ von Annette Kehnel
Von Hans Klumbies
