Anna Katharina Schaffner betrachtet Erschöpfung als zeitloses Phänomen

Erschöpfung ist ein allgegenwärtiges und zeitloses Phänomen. Anna Katherina Schaffner nennt Beispiele: „Es steht im Zentrum einer ganzen Palette von vergangenen und gegenwärtigen Müdigkeitssyndromen, zu denen neben Burnout auch Melancholie, Trägheit – Acedia –, Neurasthenie und Depression zählen.“ Zu allen Zeiten haben Schreibende und Denkende ihre Erschöpfung beklagt und mit einer gewissen Wehmut auf vergangene Zeiten zurückgeblickt, die sie als weniger anstrengend empfanden. Reflexionen zur Begrenztheit unserer Kraft sowie über mögliche innere wie äußere Gründe für das Schwinden können bis in alte China zurückverfolgt werden. Der Kritiker Frank Kermode schreibt: „Unsere eigene Krise kommt uns herausragend vor, wir finden sie besorgniserregender und interessanter als andere Krisen. […] Es ist allgemein üblich, die jeweilige historische Situation als besonders dramatisch und außergewöhnlich anzusehen, als einen Wendepunkt im Lauf der Zeiten.“ Anna Katherina Schaffner ist Kulturhistorikerin und zertifizierter Burnout-Coach.

Wir können von den Menschen früherer Zeiten immer noch viel lernen

Auch wenn unsere Vorgänger andere Bilder und Metaphern benutzt haben mögen, findet Anna Katherina Schaffner es enorm tröstlich zu wissen, dass wir nicht als Einzige mit Erschöpfungszuständen ringen. Quer durch die historischen Epochen haben Menschen gegen ihre Erschöpfung angekämpft, über ihre Ursachen nachgedacht und Heilungsansätze und Therapieformen entwickelt, um wieder zu Kräften zu kommen. Das Gute daran ist: Wir können von den Menschen früherer Zeiten und anderer Kulturen immer noch viel lernen.

Nicht die Erfahrung selbst ändert sich im Lauf der Geschichte, sondern die Metaphern, die wir für unsere Erschöpfung finden, und die Geschichten, mit denen wir deren Ursachen zu fassen versuchen. Anna Katherina Schaffner ergänzt: „Theorien über Erschöpfung sagen auch viel aus über die in der jeweiligen Epoche vorherrschenden Ängste und Sehnsüchte. Oft konzentrieren sie sich auf spezifische kulturelle Unzufriedenheiten.“ In unserer Zeit liegt der Fokus zum Bespiel auf dem Suchtpotenzial von Technik, den psychischen Kosten eines unerbittlichen Wachstumszwangs und einer zunehmend brüchigen Work-Life-Balance.

Das Neue ist nicht immer besser

Anna Katherina Schaffner blickt zurück: „In der Vergangenheit machte man sich dagegen Sorgen über die schädliche Wirkung geistiger Arbeit, über bösartige Tagesdämonen, Lauheit im Glauben, scharf gewürztes Essen, übermäßig aufregende Romane, reißerische Zeitungsartikel, Automobile, Frauenemanzipation und den heimtückisches Effekt des Planeten Saturn.“ Nicht zuletzt geben verschiedene Theorien zur Erschöpfung auch Hinweise darauf, wie wir unsere Handlungskompetenz und unsere Willenskraft einschätzen.

Welche Geschichten wir über unsere Erschöpfung erzählen, ist bedeutsam, denn sie prägen, wie wir unseren Zustand erfahren und welche Gegenmaßnahmen wir ergreifen. Anna Katherina Schaffner ist fest davon überzeugt, dass wir unsere Erschöpfung nur mit so etwas wie „Mixed Mental Arts“ beikommen können – wir brauchen alte und neue Perspektiven aus unterschiedlichen Bereichen: Wissenschaft, Literatur, Philosophie und Psychologie.“ Das Neue ist nicht immer besser. Quelle: „Erschöpft?“ von Anna Katherina Schaffner

Von Hans Klumbies