Die autoritären politischen Strukturen unterdrückten die Angstgefühle

Die politischen Entscheidungsträger trafen in der Vergangenheit völlig irrationale Entscheidungen, die dann beispielsweise im Ersten Weltkrieg explodierten. Oliver Rathkolb erklärt: „Diese Überforderung in den persönlichen Entwicklungen, geprägt von neuartigen psychischen Belastungen, führte auch zu neuartigen Erkrankungen. Das erste „nervöse Zeitalter“ war geboren. Angstgefühle wurden durch die autoritären gesellschaftlichen und politischen Strukturen unterdrückt.“ Die Schule der Psychoanalyse um Sigmund Freud oder die Romane von Franz Kafka liefern anschauliche Auseinandersetzungen mit diesen Entwicklungen. Extreme Lärmpegel in den rasant boomenden urbanen Zentren, exzessive Arbeits- und Wohnbedingungen sind weiter Rahmenbedingungen für das nervöse Zeitalter 1.0 und verschärfen den psychischen Druck auf die Menschen aller Gesellschaftsschichten. So kann der Erste Weltkrieg als Befreiungsschlag interpretiert werden, um diesem permanenten Veränderungsdruck zu entgehen. Oliver Rathkolb war langjähriger Vorstand und Professor des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Wien.

Die Friedensbewegung wurde in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen

Dabei suchte man durch einen vermeintlich kurzen Krieg eine endgültige Entscheidung zwischen den gleichzeitig wirkmächtigen traditionellen, rückwärtsgewandten Trends und der Moderne und der Avantgarde. Oliver Rathkolb ergänzt: „Die längst vorhandenen, durchaus ambitionierten Anstrengungen der Friedenbewegung zur Verhinderung eines künftigen blutigen und lang andauernden Weltkrieg, des ersten mechanisierten Krieges, wurden einfach ignoriert.“ An der Heimatfront sorgten extreme Lebensmittelknappheit und die „Spanische Grippe“ für Hunger, Mangel und Tod.

Die von empirischen Erkenntnissen getragene Friedenbewegung wurde in der Öffentlichkeit nur am Rande wahrgenommen. Ihre Ängste und Befürchtungen wurden nicht ernsthaft thematisiert, sondern durch die Heldenparolen zum angeblich kurzen Krieg zurückgedrängt. Oliver Rathkolb stellt fest: „Ein ähnliches Phänomen finden wir übrigens in den letzten Jahren wieder: Mit Schlagworten wie „Ökokommunismus“ wird die Realität eines vielfach evidenzbasierten globalen Klimawandels nicht nur ignoriert, sondern Gegenstrategien werden bewusst bekämpft und verhindert.“

An der Überforderung der Politik hat sich auch heute nicht viel geändert

Ebenso paradox ist 1914 das völlige Negieren realer militärischer Kapazitäten und Strukturen. Nicht einmal die klare militärische Unterlegenheit Österreich-Ungarns konnte den Irrsinn der Entscheidung für den Angriff auf Serbien verhindern. Oliver Rathkolb fügt hinzu: „Das Deutsche Reich war hochgerüstet, an Menschen und Waffenmaterial aber gegenüber den alliierten Bündnispartnern England mit seine Kolonien, Frankreich und Russland quantitativ beschränkt. Dazu kam der drohende Kriegseintritt der neuen wirtschaftlichen Großmacht USA.“

Viele Protagonisten der Moderne in Europa sahen den Krieg sogar als eine Art Katharsis an. Oliver Rathkolb blick zurück: „Rationales strategisches Handeln, wie dies im 19. Jahrhundert zumindest auf politischer Ebene am Wiener Kongress 1814/1815 oder in der Einigungspolitik von Otto von Bismarck gegeben hatte, war längst nicht mehr vorhanden.“ Die Irritationen und die Ängste der Menschen sind heute ähnlich groß wie damals und an der Überforderung der Politik hat sich in der Gegenwart auch nicht viel geändert. Quelle: „Ökonomie der Angst“ von Oliver Rathkolb

Von Hans Klumbies