Lebensführung als Kultur ist ein eigener Stil

Für den singularistischen Lebensstil der neuen Mittelklasse sind einige Komplexe von Praktiken von herausgehobener, gewissenmaßen stilbildender Bedeutung. Nämlich das Essen und die Ernährung, das Wohnen und die Wohnung, das Reisen, die Bewegungskulturen des Körpers, schließlich die Erziehung und die Schulbildung. Andreas Reckwitz erläutert: „Es sind diese Praktiken, denen man hier typischerweise intensives Interesse widmet und aus denen man Identität und affektive Befriedigung bezieht.“ Trotz ihrer Verschiedenartigkeit werden alle diese Bereiche zu bevorzugten Gegenständen der Kulturalisierung und kategorischen Singularisierung. In der „Lebensführung als Kultur“ formt man sie zu Kulturpraktiken um. Diese gehen über den bloßen funktionalen Nutzen hinaus. Sie beanspruchen einen eigenen Wert, von denen man auch einen solchen Wert erwartet. Andreas Reckwitz ist Professor für Kultursoziologie an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt / Oder.

Das Essen hat eine große Bedeutung

Als Gegenstände der Kulturalisierung avancieren sie zu gesellschaftlichen Orten der Auseinandersetzung um Wert. Zugleich und damit verknüpft man Essen, Wohnen, Reisen, Körperbewegungen sowie das zu erziehende Kind in der Schule. Angestrebt und erwartet wird überall das Besondere. Allerdings ergeben sich auch hier widerstreitende Dynamiken von Singularisierungen und Standardisierungen. Es ist im Übrigen kein Zufall, dass einige der genannten Aktivitäten aus der Perspektive der klassischen Bürgerlichkeit eher profan erscheinen.

Es ist bemerkenswert, welch große Bedeutung dem Essen seit den 1980er Jahren für den Lebensstil der akademischen Mittelklasse zukommt. Nämlich den Nahrungsmitteln, ihrer Herkunft und Qualität, den Gerichten, Getränken und Esskulturen, den Küchen und dem gemeinsamen Essen. Das Essen ist in extensiver Weise zu einem Gegenstand der Sorge, des Genusses und Erlebens, des Wissens und der Kompetenzen sowie zu sozialen Prestige geworden. Es ist heutzutage ausgestattet mit einer identitätsbildenden Kraft. Man isst, was man ist.

Essen hatte einst eine symbolische Bedeutung

Andreas Reckwitz betont: „Authentizität, einer der Leitwerte singularistischer Lebensführung findet in der Esskultur vielleicht ihren deutlichsten Ausdruck. Natürlich war essen nie bloß eine biologische Aktivität, nie pure Nahrungsaufnahme.“ Ethnologen wie Claude Lévi-Strauss und Mary Douglas haben auf die sozialintegrative und symbolische Bedeutung hingewiesen, die das Essen bereits in frühen Gesellschaften hatte. Trotzdem kann man feststellen, dass in der Industriegesellschaft tendenziell eine Funktionalisierung des Essens stattfand.

Andreas Reckwitz stellt fest: „Es fand eine Industrialisierung der Nahrung statt, die dem Modell einer Massenernährung mit standardisierten Nahrungsmitteln und Gerichten folgte. Die vielfach beklagte Entsinnlichung der industriellen Moderne war nicht zuletzt eine diätische und kulinarische Entsinnlichung.“ Das Essen war in der nivellierten Mittelstandsgesellschaft weitgehend sättigendes Mittel zum Zweck. Es sollte dem Erhalt der Arbeitsfähigkeit dienen. Die Esskultur der spätmodernen Akademikerklasse kann sich dagegen zu Beginn des 21. Jahrhunderts auf ein weites Netzwerk von globalen Institutionen, Diskursen und Objekten stützen. Quelle: „Die Gesellschaft der Singularitäten“ von Andreas Reckwitz

Von Hans Klumbies

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