Die Mär von der „alternden Gesellschaft“ begleitet uns schon lange

Das neue Buch „Die erfundene Bedrohung“ von Andreas Hoffmann will nicht belehren, sondern eine Geschichte erzählen ohne surrenden Alarmton. Der Autor schreibt: „Sie werden sehen, wie leicht sich Angst einreden lässt, Sie werden sehen, dass die Angst oft überflüssig ist, und vielleicht sehen sie die Welt danach etwas positiver.“ Die Mär von der „alternden Gesellschaft“ begleitet uns schon lange – seit dem Zeitpunkt, zu dem die Wissenschaft unsere Lebenszeit verlängert hat. Wir leben länger, arbeiten kürzer, zeugen weniger Kinder und haben mehr Alte. Wir tun seit über 100 Jahren exakt das, was uns scheinbar bald in Verderben stürzen wird. Kein ein Thema zieht die Massen so an wie die Idee, dass wir die Dinge in Zukunft nicht geregelt bekommen. Andreas Hoffmann ist Journalist. Als diplomierter Volkswirt schreibt er über Sozial-, Gesundheits- und Wirtschaftspolitik.

Der schlimmste Mythos ist die Bevölkerungsprognose

Die Demografie ist eine „Wissenschaft der Angst“, sagt der Historiker Thomas Etzemüller. Nur die Angst bringt ihr Gehör, nur wenn sie die Angst nährt, verliert sie nicht ihr Publikum. Das Buch „Die erfundene Bedrohung“ will diesen Angstkreislauf durchbrechen. Es schaut in die Akten und beleuchtet die Mythen, die schier endlos wiederholt werden, aber eben nur eines sind – Mythen. Die alternde Gesellschaft verschärft nicht den Mangel an Fachkräften. Stattdessen nutzt dieses Land die Köpfe, die es hat, nicht genug.

Der schlimmste Mythos ist die Bevölkerungsprognose. Ging es um Sterbeziffern, um Geburtszahlen, um Migrationstrends oder um Arbeitskräfte – fast immer lagen die Fachleute mit ihren Vorhersagen daneben. Der Mensch und die Welt verhalten sich leider nicht so, wie Statistiker berechnen. Die einzige Konstante in der Demografie ist der Irrtum. Das Drama der Zahlen war stets größer als die Realität, um ein Wort des Philosophen Seneca abzuwandeln. Doch frühere Fehler werden ausgeblendet.

Kein Reformer sollte beim ersten Widerstand sofort aufgeben

Die alternde Gesellschaft ist keine Naturgewalt, sie lässt sich beherrschen. Der demografische Wandel hat wenig Schuld an den Problemen der Renten-, Kranken-, Pflegeversicherung oder des Arbeitsmarktes. Es fehlt eher an einem politischen Management, das weiter denkt als bis zur nächsten Landtagswahl. Um fit für die Zukunft zu werden, braucht der Sozialstaat keine Revolution. Zielgerichtetes Handeln würde reichen, und beim ersten Widerstand sollte kein Reformer sofort aufgeben.

Die alternde Gesellschaft ist keine reine Angelegenheit der Regierenden, der Staat sind seine Bürger, und diese sollten sich von den Horrorstorys weniger beeindrucken lassen. Nicht die Alten sind das Problem, sondern unsere Denkmuster vom Alter. Die Deutschen altern seit über einem Jahrhundert und die Folgen haben sie bisher sehr gut bewältigt, trotz diverser Krisen. Wir haben heute einen beispielhaften Wohlstand in diesem Land, der sicher nicht dadurch gefährdet wird, dass einige Babyboomer in den Ruhestand gehen.

Die erfundene Bedrohung
Wie die alternde Gesellschaft dramatisiert wird und wem das nützt
Andreas Hoffmann
Verlag: Goldegg
Gebundene Ausgabe: 270 Seiten, Auflage: 2026
ISBN: 978-3-99060-493-9, 23,50 Euro

Von Hans Klumbies