Wohlstand entsteht oftmals auf Kosten der Natur

Neben utopischen und illusionären Träumen eines perfekten Systems gibt es auch ein anderes Narrativ des Kapitalismus. Anders Indset erklärt: „Eine Geschichte, die das rasante einseitige Wachstum des Kapitals und die damit verbundene Spaltung in Blick nimmt. Dass Technologie diesen Prozess über den mittlerweile exponentiellen Effizienzgewinn dynamisiert, nehmen die Erzähler dieser Geschichte als Beleg für ihre These von der Überlegenheit des Kapitals.“ Die Produktionsfaktoren Kapital und Arbeit sind inzwischen nach allgemeinem Verständnis um den Faktor Umwelt ergänzt worden. Die Ausbeutung der Natur und der mögliche ökologische Kollaps wären demnach Beleg für ein weiteres fatales Ungleichgewicht der kapitalistischen Wirkkräfte. The winner takes it all. Adam Smith und seine Jünger haben die technologisierte Welt des 21. Jahrhunderts in dieser Form nicht kommen sehen. Anders Indset, gebürtiger Norweger, ist Philosoph, Publizist und erfolgreicher Unternehmer.

Der Kapitalismus ist kein absolutes System

Ludwig Erhard, der Vater der sozialen Marktwirtschaft, an die wir uns in Deutschland klammern, hatte in seiner Ressourcenberechnung nicht ansatzweise die finanziellen Folgen eingebreicht, die bei der Schaffung von Wohlstand auf Kosten von Mutter Natur entstehen. Anders Indset ergänzt: „Ganz zu schweigen von den Konsequenzen einer digitalen Welt und den Folgen für diejenigen, die nicht Teil der Glücksspermiengesellschaft sind. Also jene, die nicht in den westlichen Wohlstandsregionen geboren werden.“

Aber auch die Vertreter einer kritischen Kapitalismuserzählung wie Karl Marx, Friedrich Engels oder Max Weber hätten sich nicht vorstellen können, wie die Weltgesellschaft nach zwei epochal erschütternden Kriegen und dem darauf folgenden fatalen Nickerchen im Jahr 2020 aussehen wird und wie die Menschheit beginnt, langsam aufzuwachen. Anders Indset erläutert: „Es war – wie in jeder Epoche – nicht möglich, sich von den Absolutheiten völlig zu befreien, um zu erkennen, dass Kapitalismus kein absolutes System ist.“

Die Weltgesellschaft wird von der Technologie kontrolliert

Vor allem nicht, dass erst die unterliegenden Krankheitssymptome der letzten fünfzig Jahre womöglich ein ganzes , nicht definierbares System zum Zusammenbruch bringen können. So wäre die marxistische Lehre in ihrer Konsequenz heute richtig, aber die Herleitung falsch. Anders Indset stellt fest: „Die evolutionäre Entwicklung unseres altbewährten Systems trifft heute auf eine neue Struktur, die sich herkömmlichen Einordnungen entzieht.“ Was Adam Smith mit seiner Metapher der „unsichtbaren Hand des Marktes“ gemeint hatte, ist bis heute nicht ganz klar.

Sollte diese als natürlicher Stabilisator einen wie auch immer definierten fixen Markt darstellen, so sehen wir spätestens heute, dass es weder eine Hand gibt noch einen fixen und absoluten Markt, der zu stabilisieren wäre. Anders Indset fügt hinzu: „Heute zeigt sich: Stabil ist anders. Wir leben inzwischen in einer globalen Weltgesellschaft, die bereits heute von der Technologie kontrolliert wird und auf direktem Weg auf die größte Dysbalance der Geschichte rast.“ Quelle: „Das infizierte Denken“ von Anders Indset

Von Hans Klumbies