An der Theorie der Lerntypen ist erschrecken wenig dran

Die Theorie der Lerntypen erfreute sich großer Beliebtheit. Eltern waren begeistert, dass ihre Kinder in ihrer Individualität anerkannt wurden, Lehrkräfte genossen die Freiheit, ihre Methoden zu variieren und ihr Material persönlich abzustimmen. Adam Grant weiß: „Lernstile gehören heute fest zur Lehrerausbildung und zum Schülerleben dazu. Weltweit glauben 89 Prozent der Lehrkräfte, dass sie ihren Unterricht an die Lernstile der Schüler anpassen sollten.“ Da wäre nur ein klitzekleines Problem: An den Lerntypen ist nichts dran. Als ein Expertenteam eine umfassende Überprüfung jahrzehntelanger Forschungsarbeit über Lernstile vornahm, fanden sie erschreckend wenig, was diese Theorie stützte. „Die Faktenlage rechtfertigt nicht die Einbeziehung von Lerntypeneinschätzungen in die allgemeine pädagogische Praxis“, schlussfolgerten die Forschenden. Adam Grant ist Professor für Organisationspsychologie an der renommierten Wharton Business School. Seine Forschungsbeiträge im Bereich Motivation und Produktivität wurden vielfach ausgezeichnet.

Mutige Menschen halten Unannehmlichkeiten aus

Natürlich will Adam Grant beim Lernen auch nicht zum starren Modell zurück, das Schulen zu Lernfabriken umfunktioniert. Adam Grant fordert: „Aber man sollte den Menschen auch nicht in die schubladenhafte Vorstellung von Lerntypen zwingen.“ Natürlich haben Menschen immer noch eine bevorzugte Art, sich neues Wissen und Fertigkeiten anzueignen. Aber jetzt weiß man, dass diese Vorliebe nicht festgelegt ist, und nur auf die eigenen Stärken zu setzen bringt einen um die Möglichkeit, bei den persönlichen Schwächen aufzuholen.

Die Art und Weise, wie man lernen möchte, ist diejenige, die einem am angenehmsten vorkommt, aber nicht unbedingt die Art, wie man am besten lernt. Adam Grant erklärt: „Manchmal lernt man sogar besser in dem Modus, in dem man sich am unwohlsten fühlt, denn dann muss man härter arbeiten. Das ist die erste Form von Mut: sich zu trauen, Unannehmlichkeiten auszuhalten und den eigenen Lernstil über den Haufen zu werden.“ Wenn man darüber nachdenkt, wie große Künstler zu solchen heranreifen, scheint es ganz logisch, dass sie durch Zuhören, Beobachten und Ausprobieren lernen.

Unklares Schreiben ist ein Zeichen für unklares Denken

Oftmals wird Prokrastination mit Faulheit in Verbindung gebracht. Aber in der Psychologie spricht man hier nicht von einem Zeitmanagementproblem, sondern von einem Emotionsmanagementproblem. Adam Grant erläutert: „Wenn Sie prokrastinieren, vermeiden Sie nicht den Erfolg; Sie unterdrücken die unangenehmen Gefühle, die die Aktivität in Ihnen auslöst. Früher oder später merkt man jedoch, dass dadurch auch das angestrebte Ziel aus dem Blickfeld gerät.“

Adam Grant sieht immer wieder, dass Menschen vor dem Schreiben zurückschrecken, weil es ihnen einfach nicht gelingt. Sie übersehen dabei, dass Schreiben mehr ist als ein Kommunikationsmittel, es ist ein Lernwerkzeug. Adam Grant fügt hinzu: „Schreiben zeigt Wissens- und Logiklücken auf und zwingt Sie, Annahmen auszudrücken und Gegenargumente zu berücksichtigen. Unklares Schreiben ist ein Zeichen für unklares Denken.“ Quelle: „Hidden Potential“ von Adam Grant

Von Hans Klumbies