In der Welt von heute gibt es einen starken Widerstand gegen die „Verwestlichung“. Amartya Sen erklärt: „Er kann in der Form auftreten, dass man Ideen meidet, die als „westlich“ gelten, obwohl sie historisch in vielen nicht-westlichen Gesellschaften florierten und Teil unserer gemeinsamen Vergangenheit sind.“ Es ist beispielsweise nichts ausschließlich „Westliches“ daran, die Freiheit zu schätzen und den öffentlichen Diskurs zu verteidigen. In anderen Gesellschaften kann man jedoch eine negative Haltung zu ihnen erzeugen, indem man sie als „westlich“ abstempelt. Das lässt sich an verschiedenen Formen antiwestlicher Rhetorik beobachten. Das fängt an bei der Befürwortung „asiatischer Werte“ und endet bei der Behauptung, „islamische Ideale“ müssten allem, wofür der Westen steht, zutiefst feindlich gesonnen sein. Amartya Sen ist Professor für Philosophie und Ökonomie an der Harvard Universität. Im Jahr 1998 erhielt er den Nobelpreis für Ökonomie.
In der Kolonialzeit gab es schwerwiegende Missbrauchsfälle
Amartya Sen weiß: „Diese Fixierung auf den Westen beziehungsweise den vermeintlichen Westen hat ihren Grund zum Teil in der Geschichte der Kolonisierung.“ Der westliche Imperialismus hat im Laufe der letzten Jahrhunderte nicht nur die politische Unabhängigkeit jener Länder zerstört, welche die Kolonialmächte regierten oder beherrschten. Sondern er hat auch ein vom Westen besessenes Einstellungsklima geschaffen. Diese Obsession tritt jedoch in unterschiedlichen Formen auf, die von der sklavischen Nachahmung bis zur entschiedenen Feindschaft reichen.
Die Dialektik des kolonisierten Geistes umfasst sowohl Bewunderung als auch Abneigung. Es wäre falsch, in der postkolonialen Abneigung gegen den Westen nur eine Reaktion auf koloniale Misshandlung, Ausbeutung und Demütigung sehen zu wollen. Die postkoloniale Entfremdung ist mehr als nur eine Reaktion auf die reale Geschichte des Missbrauchs. Zugleich ist es aber auch wichtig, anzuerkennen und sich zu erinnern, dass es tatsächlich schwerwiegende Missbrauchsfälle gab.
Der kolonisierte Geist ist auf den Westen fixiert
Dennoch müssen die beschränkten Horizonte des kolonisierten Geistes und seiner Fixierung auf den Westen – ob in Ressentiment oder in Bewunderung – überwunden werden. Tatsächlich ist der kolonisierte Geist parasitär besessen von der Beziehung zu den einstigen Kolonialmächten. Amartya Sen erläutert: „So unterschiedlich die Formen sind, in denen sich diese Obsession niederschlägt, kann diese generelle Abhängigkeit doch keine gute Grundlage des Selbstverständnisses sein.
Die Art dieser „reaktiven Selbstwahrnehmung“ hat weitreichende Auswirkungen auf die heutigen Angelegenheiten gehabt. Sie hat erstens eine unnötige Ablehnung vieler weltweiter Ideen wie Demokratie und persönliche Freiheit gefördert. Denn man glaubte fälschlicherweise, es handele sich um „westliche“ Ideen. Sie hat zweitens zu einer verzerrten Deutung der Geistes- und Wissenschaftsgeschichte der Welt beigetragen, obwohl jene Dinge, die wirklich „westlich“ sind, als auch jener, die verschiedenen Kulturen entstammen. Und sie hat drittens den religiösen Fundamentalismus und sogar den internationalen Terrorismus gedeihen lassen. Quelle: „Die Identitätsfalle“ von Amartya Sen
Von Hans Klumbies
