Amartya Sen lehnt eine pauschale Verurteilung der Globalisierung ab

Amartya Sen hält es für äußerst dringlich, sich ernsthaft mit dem Gegenstand der Globalisierung zu befassen. Obwohl eines der meistdiskutierten Themen von heute, ist die Globalisierung kein sonderlich wohldefinierter Begriff. Unter dem allgemeinen Titel der Globalisierung fasst man eine Vielzahl von globalen Interaktionen zusammen, die von der Ausweitung der grenzüberschreitenden kulturellen und wissenschaftlichen Einflüsse bis zur Erweiterung der weltweiten Wirtschafts- und Geschäftsbeziehungen reichen. Eine pauschale Ablehnung der Globalisierung würde nicht nur der globalen Wirtschaft zuwiderlaufen, sondern auch die Verbreitung von Ideen, Einsichten und Kenntnissen unterbinden, die allen Völkern der Welt, auch den am stärksten benachteiligten Mitgliedern der Weltbevölkerung helfen können. Amartya Sen ist Professor für Philosophie und Ökonomie an der Harvard Universität. Im Jahr 1998 erhielt er den Nobelpreis für Ökonomie.

Die Globalisierung des Wissens verdient höchste Anerkennung

Es könnte daher äußerst kontraproduktiv sein, die Globalisierung in Bausch und Bogen zu verwerfen. Amartya Sen fordert: „Die einzelnen Probleme, die in der Rhetorik der Antiglobaliserungsproteste zusammengeworfen werden, müssen unbedingt auseinandergehalten werden. Die Globalisierung des Wissens verdient höchste Anerkennung, ungeachtet der vielen guten Dinge, die man zu Recht über die Bedeutung des lokalen Wissens sagen kann.“ Unter Globalisierung versteht man vielfach – in journalistischen Diskussionen ebenso wie in auffallend vielen akademischen Schriften – einen Prozess der Verwestlichung.

Manche, die das Phänomen optimistisch beurteilen, es gar regelrecht feiern, sehen darin sogar einen Beitrag der westlichen Kultur zur Welt. Amartya Sen ergänzt: „Zu dieser sich selbst als realistisch verstehenden Auffassung gehört eine passend stilisierte Geschichte. Danach spielte sich das Ganze in Europa ab.“ Erst kam die Renaissance, dann kamen die Aufklärung und die industrielle Revolution, und diese führte im Westen zu einer gewaltigen Hebung des Lebensstandards.

Die Globalisierung ist ein Geschenk des Westens an die Welt

Diese großartigen Errungenschaften des Westens breiten sich jetzt auf der ganzen Welt aus. Die Globalisierung ist aus dieser Sicht nicht nur gut, sie ist auch ein Geschenk des Westens an die Welt. Amartya Sen weiß: „Es verstimmt die Anhänger dieser Geschichtsauffassung nicht nur, dass viele Völker diese Wohltat als eine Fluch empfinden, sondern auch, dass dieses überaus wohltätige Geschenk des Westens an die Welt von einer undankbaren nicht-westlichen Welt verschmäht und gegeißelt wird.“

Wie viele gut stilisierte Geschichten enthält auch diese ein Körnchen Wahrheit, aber zugleich eine gehörige Portion Phantasie, und genau daran entzündet sich ein künstlicher weltweiter Meinungsschreit. Amartya Sen fügt hinzu: „Es gibt noch eine weitere, in manchen Hinsicht gegenteilige Geschichte, die ebenfalls Beachtung findet und erheblich für Streit sorgt. Ein zentrales Merkmal der Globalisierung ist ihr zufolge die westliche Vorherrschaft, der die hässlichen, mit der Globalisierung einhergehenden Erscheinungen zugschrieben werden.“ Quelle: „Die Identitätsfalle“ von Amartya Sen

Von Hans Klumbies