In Asien stehen Disziplin und Ordnung obenan

Eine der bemerkenswertesten Äußerungen einer reaktiven nicht-westlichen Identität besteht in den „asiatischen Werten“, die viele Ostasiaten vertreten. Damit reagiert man auf die Behauptung des Westens, er sei der historische Verwahrer der Ideen über Freiheit und Rechte. Amartya Sen weiß: „Verfechter der Vorzüglichkeit asiatischer Werte bestreiten das gar nicht, ganz im Gegenteil.“ Mag Europa auch die Heimat von Freiheit und individuellen Rechten gewesen sein, heißt es. Doch bei den asiatischen Werten stünden Disziplin und Ordnung obenan, und das sei, behauptet man, eine wunder3bare Priorität. Dem Westen deutet man an, er könne seine individuellen Freiheiten und Rechte behalten. Asien hingegen werde besserfahren, wenn es an ordentlichem Benehmen und disziplinierten Verhalten festhalte. Amartya Sen ist Professor für Philosophie und Ökonomie an der Harvard Universität. Im Jahr 1998 erhielt er den Nobelpreis für Ökonomie.

Manche asiatischen Behauptungen sind vom Westen besessen3

Die Westbesessenheit dieser hochtönenden „asiatischen“ Behauptungen ist für Amartya Sen schwerlich zu übersehen. Den stärksten Anklang fand die Verherrlichung asiatischer Werte in Ländern östlich von Thailand, besonders bei führenden Politikern und Regierungssprechern. Eine noch ehrgeizigere Behauptung spricht sogar davon, das übrige Asien sei ebenfalls sehr „ähnlich“. Die Unterschiede, die in Bezug auf Kultur und Werte zwischen Asien und dem Westen bestehen, unterstreichen auf der UN-Menschenrechtskonferenz in Wien im Jahre 1993 mehrere offizielle Delegationen.

Der Außenminister Singapurs wies darauf hin, dass „die universelle Anerkennung des Ideals der Menschenrechte schädlich sein kann, wenn der Universalismus dazu benutzt wird, die Realität von Unterschieden zu leugnen oder zu verschleiern“. Eine führende Rolle spielte die chinesische Delegation beim Herausstreichen der regionalen Unterschiede und der Klarstellung, dass der in den Erklärungen beschlossene Rahmen von Vorschriften Raum lasse für „regionale Verschiedenheit“. Der chinesische Außenminister gab sogar zu Protokoll, die asiatischen Prioritäten verlangten, dass „Individuen die Rechte der Staaten ihren eigen überzuordnen haben“.

In den meisten Regionen von Afrika herrschte Autoritarismus und Militarismus

Amartya Sen stellt fest: „In dieser postkolonialen Dialektik ist unschwer das Bedürfnis zu erkennen, sich vom Westen abzuheben. Und ebenso leicht erkennt man die Anziehungskraft, die für viele Asiaten von der Behauptung ausgeht, Asien habe etwas viel Besseres als Europa.“ Wohl kein Kontinent hat im letzten Jahrhundert, besonders in der zweiten Hälfte, so sehr gelitten wie Afrika. Als Mitte des Jahrhunderts die koloniale Herrschaft von Briten, Franzosen, Portugiesen und Belgiern offiziell endeten, gab es eine starke Verheißung einer demokratischen Entwicklung in Afrika.

Stattdessen wurden die meisten Regionen bald zu Opfern von Autoritarismus und Militarismus. Die öffentliche Ordnung, das Bildungs- und das Gesundheitswesen brachen zusammen. Zudem kam es zu einer regelrechten Explosion von lokalen Konflikten, Stammesfehden und Bürgerkriegen. Amartya Sen weist darauf hin, dass man aber auch sehen muss, welche Rolle die Westmächte in der jüngsten Geschichte der politischen und militärischen Entwicklungen auf dem Kontinent gespielt haben. Quelle: „Die Identitätsfalle“ von Amartya Sen

Von Hans Klumbies

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