Alexander von Humboldt ist so hoch geklettert wie kein Mensch vor ihm

Als Alexander von Humboldt 1802 nur 400 Höhenmeter vor dem Gipfel des Chimborazo-Vulkans kehrtmachen muss, ist er so hoch geklettert wie kein Mensch vor ihm. Dirk Steffens und Fritz Habekuss schreiben: „Seine Schuhe sind zerschlissen, er schlottert in der Kälte, sein Zahnfleisch blutet. Die einheimischen Führer, die den verrückten Weißen unten noch ausgelacht hatten, sind lange vor ihm umgekehrt.“ Trotz klirrender Kälte und beißenden Windes hat er unterwegs alle paar hundert Meter angehalten, seine schweren und sperrigen Instrumente ausgepackt und Messungen durchgeführt. Den Luftdruck, die Temperatur, die Himmelsbläue, alles hat er notiert. In ihrem Buch „Über Leben“ erzählen der Moderator der Dokumentationsreihe „Terra X“ Dirk Steffens und Fritz Habekuss, der als Redakteur bei der „ZEIT“ arbeitet, von der Vielfalt der Natur und der Schönheit der Erde.

Das „Naturgemälde der Tropen“ ist die erste Infografik der Welt

Im Jahr 1807 veröffentlicht er seine Ergebnisse. Darin enthalten: das „Naturgemälde der Tropen“. Diese Zeichnung gilt als erste Infografik der Welt. Dirk Steffens und Fritz Habekuss erklären: „Sie zeigt einen stilisierten Schnitt durch das Profil der Anden, in das Humboldt eingetragen hat, welche Pflanzen in welcher Höhe wachsen.“ Das Naturgemälde ist heute eine Ikone, der Grundstein, auf dem moderne Ökologie und Geowissenschaft stehen, weil es zum ersten Mal nicht nur stumpf einzelne Daten präsentierte, sondern sie zu einem großen Bild der Natur vereinte.

Das Naturgemälde ordnete die Daten in ein einziges großes Natursystem ein, in dem alles mit allem verbunden ist und sich alles gegenseitig beeinflusst. „Die Erfindung der Natur“ nennt die Humboldt-Biografin Andrea Wulf diese Leistung. Dirk Steffens und Fritz Habekuss stellen fest: „Und heute hilft genau diese Zeichnung bei der Erforschung eines Phänomens, das Humboldt noch gar nicht kannte, weil es in seiner Zeit noch nicht existierte: der Klimawandel.“

Steigenden Temperaturen haben das Ökosystem der Hochanden stark verändert

Tropische Berge eignen sich dafür hervorragend. Alexander von Humboldt beschrieb als erster, wie sich vom Fuß bis zum Gipfel Vegetationszonen aneinanderreihen, als würde man vom Äquator bis zu den Polen gehen. Dirk Steffens und Fritz Habekuss wissen: „Französische Wissenschaftler sind 200 Jahre später in die Anden gefahren und haben Humboldts Aufzeichnungen überprüft. Sie wollten wissen, ob die Pflanzen heute noch immer an den Orten wachsen, an denen Humboldt sie gefunden hatte.“

Ihnen fielen zwei Dinge auf: Zum einen war der große deutsche Naturforscher, wer hätte das gedacht, offenbar ein bisschen schlampig beim Übertrag seiner Daten in die ikonische Grafik. Dirk Steffens und Fritz Habekuss ergänzen: „Aber viel wichtiger: Zahlreiche Arten wachsen heute Hunderte Meter höher als damals, auch die Schneegrenze hat sich deutlich nach oben verschoben. Ein Beweis dafür, wie stark sich das fragile Ökosystem der Hochanden durch die steigenden Temperaturen bereits verändert hat.“ Quelle: „Über Leben“ von Dirk Steffens und Fritz Habekuss

Von Hans Klumbies