Die vergeistigte Rache attackiert mit Worten und Schablonen

Georg Wilhelm Friedrich Hegels moralpsychologische Diagnosen sind bedrückend aktuell. Alexander Somek erklärt: „Sie sind es vor allem, wenn man an jene denkt, die gern sozialen Fortschritt sähen, aber nicht wissen, wie man ihn hervorbring und daher auch nicht aktiv werden, um ihn zu bewirken.“ Menschen dieses Schlags entdecken dann im Feuilleton oder in der Blog-Sphäre ihres Balkons, von dem aus sie gemeinsam oder in Auseinandersetzung mit anderen schönen Seelen die Muppet Show eines politischen Aktionismus aufführen, in dessen Kontext Aufrufe, dass etwas getan werden müsse, schon für Handeln gehalten werden. Woran es mangelt, hat Michael Walzer einmal so treffend in kritischer Auseinandersetzung mit dem deliberativen Demokratiemodell skizziert: Flugblätter verteilen, Plakate malen, Zusammentreffen organisieren, gemeinsame Stellungnahmen erarbeiten und so weiter. Alexander Somek ist seit 2015 Professor für Rechtsphilosophie und juristische Methodenlehre an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien.

Jedes moralische Urteil könnte auch unmoralisch sein

Das untätige Verurteilen ist die typisch moralische Form der Rache. Es handelt sich um Rache im Zustand der Vergeistigung. Wo Tätige zur Waffe greifen, attackiert sie mit Worten und Schablonen. Alexander Somek ergänzt: „Allerdings bedarf das Urteil der Beistimmung anderer. Jedes moralische Urteil ist mit dem Verdacht belastet, unmoralisch zu sein. Diesen Verdacht gilt es zu ersticken. Zum Verstummen bringen lässt er sich aber nicht durch Begründungen.“

Sie verunsichern nur, weil sie Einwände provozieren. Nur die Beistimmung hilft. An sie muss appelliert werden, und sie muss sich spontan einstellen, denn sonst ist sie nichts wert. Alexander Somek stellt fest: „Die heuchlerische und zum Tun unfähige Moralität macht sich somit kenntlich an der Einmütigkeit, mit der sich der Chor der Entrüstung entleert. Sie muss laut sein und toben, um den Verdacht der Inkonsistenz, den sie notwendig auf sich ziehen muss, unterdrücken zu können.“

Eine Meinungsäußerung kann zur sozialen Isolation führen

Die für die von der Seitenlinie sprechende Moralität typischer Untätigkeit lässt sich noch einmal steigern. Alexander Somek erläutert: „Sie ist bloß auf den Verurteilten selbst noch zu erstrecken, indem man dabei zusieht, wie andere verurteilt werden. Man schweigt und rührt sich nicht.“ Geschwiegen wird zumeist aus Angst, etwas Falsches zu sagen und damit selbst der Rage der Einmütigen zum Opfer zu fallen. Phänomene dieser Art sind aus der Erforschung der öffentlichen Meinung bekannt, etwa im Fall der sogenannten „Schweigespirale“, die von Elisabeth Noelle-Neumann untersucht worden ist.

Demnach halten Menschen mit ihrer Meinung, so sie denn eine haben, lieber hinter dem Berg, wenn sie fürchten, für eine Meinungsäußerung soziale Isolation zu ernten. Alexander Somek fügt hinzu: „Das Schweigen der Furchtsamen hängt von der Lautstärke und Selbstgerechtigkeit ab, mit der eine Gruppe ihre Meinung öffentlich kundtut.“ Deutlich vernehmbare Minderheiten sind daher dazu in der Lage, die Meinungsbildung gesellschaftsweit zu beeinflussen. Quelle: „Moral als Bosheit“ von Alexander Somek

Von Hans Klumbies