Menschen, die wegen ihres geringen Einkommens auf Luxusgüter verzichten, passen ihren Konsum an ihre soziale Klasse an. Das ist rationales Verhalten. Wenn sie mehr Geld hätten, würden sie vielleicht anders leben. Sollten sie auf die eine oder andere Art über ihre Verhältnisse leben, würden sie irgendwann die rechtlichen Konsequenzen zu spüren bekommen. Alexander Somek stellt fest: „Sie fallen einer ungerechten sozialen Ungleichheit zum Opfer, wenn die Lage ihrer Klasse nicht zu rechtfertigen ist.“ Allerdings es fraglich, ob ihr frugaler Lebensstil auch als strukturelle Diskriminierung zu begreifen ist. Ohne Zweifel kann eine soziale Benachteiligung zu Fehleinschätzungen der eigenen Möglichkeiten führen. Soziale Strukturen wirken auf den Willen und führen zu einer letztlich selbst verhängten Benachteiligung. Alexander Somek ist seit 2015 Professor für Rechtsphilosophie und juristische Methodenlehre an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien.
Passende Literatur zu diesem Thema:
Aktuelle Angebote zu "Menschen passen ihren Konsum ihrer sozialen Klasse an"
Passende Bücher bei Amazon findenBenachteiligte Minderheiten haben oft einen starken Aufstiegswillen
Die entscheidende Frage ist für Alexander Somek allerdings, wie die sozialen Erwartungen beschaffen sein müssten, um eine strukturelle Diskriminierung auszuschließen. Sie müssten wohl dergestalt sei, dass jeder zuversichtlich davon ausgehen könnte, dass jeder Person jede Option offensteht. Am besten bringt das das amerikanische „You can be anything you want to be“ zum Ausdruck. Was man sich antäte, wenn man dieses Motto zur Lebensmaxime erhöbe, ist eine andere Frage.
Erstens ist es plausibel davon auszugehen, dass die Angehörigen von benachteiligten Minderheiten einen starken Aufstiegswillen haben. Alexander Somek fügt hinzu: „Zweitens ist zu bedenken, dass kulturelle Unterschiede die Präferenzen von Individuen beeinflussen.“ Selbst unter günstigsten Umständen könnte daher nicht ausgemacht sein, dass alle als relevant erachteten Gruppen der Gesellschaft verhältnismäßig repräsentiert wären. Wie müsste eine Gesellschaft organisiert sein, in welcher Gruppenquoten erfüllt werden könnten?
Unparteilichkeit und Gleichheit scheint eine Illusion zu sein
Alexander Somek erläutert: „Die Gesellschaft müsste wohl relativ straff organisiert sein und die sozialen Gruppen sich nicht bloß dadurch auszeichnen, eine Kultur oder einen Lebensstil zu teilen.“ Eine Assoziation kraft bloßer Ähnlichkeit des Betragens wäre zu wenig. Denn es müsste gewährleistet sein, dass die Gruppe periodisch ihr Kontingent an Repräsentanten ablieferte. Dazu bedürfte es einer Organisation. Vor allem müssten man irgendwelche Klassifikationssysteme entwickeln, um Menschen bestimmten Gruppen zuzuordnen.
Iris Marion Young ist für die These berühmt und wohl auch berüchtigt geworden, dass gesellschaftliche Positionen möglichst gruppenproportional zu vergeben seinen, weil nur dies die reale Gleichheit von Gruppenangehörigen gewährleiste. Auf die Qualifikationen solle es zumindest nicht primär ankommen. Unparteilichkeit und Gleichheit gewährleisten zu wollen, indem man sich über alle Stammeskulturen erhöbe, erscheint illusorisch. Denn daraus kann nur die Unterdrückung aller anderen Stämme durch einen vorgeblich neutralen Stamm resultieren. Quelle: „Moral als Bosheit“ von Alexander Somek
Von Hans Klumbies
