Der Fanatismus geht schon immer in Heuchelei über

So wie der Fanatismus immer schon in Heuchelei übergeht, fließt diese in jene Form der Moralität aus, die vor allem Georg Wilhelm Friedrich Hegel ein Dorn im Auge war. Alexander Somek schreibt: „Es handelt sich, wenn man es salopp ausdrücken will, um die Moralität der „Balkonmuppetts“, also derjenigen, die über die Handelnden schlecht urteilen und selbst nie in die Verlegenheit geraten, ihre moralische Reinheit durch eigenes, einigermaßen signifikantes Handeln zu beschmutzen.“ Wer „etwas tut“, die Initiative ergreift oder versucht, die Dingen zu gestalten, den mag das Schicksal ereilen, von der Seitenlinie aus kritisiert zu werden, an der jene stehen, welche die Hände in den Schoß legen und mit leidender Mine erdulden, was andere machen. Alexander Somek ist seit 2015 Professor für Rechtsphilosophie und juristische Methodenlehre an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien.

Die Untätigen reden manchmal schlecht über die Handelnden

Friedrich Nietzsche hatte ein feines psychologisches Gespür dafür, wie das betrübliche Gefühl, sozial unsichtbar zu sein, das einen befallen mag, wenn andere, die etwas tun, Aufmerksamkeit auf sich ziehen, durch die moralische Bemäkelung der Tatkräftigen ausgeglichen wird. Alexander Somek ergänzt: „Das Tun der Untätigen besteht darin, die Handelnden schlechtzureden. Es hebt die Schmach des Unterlassens auf, ohne selbst sich in eine Tat oder ein Werk zu übersetzen.“ Das kann eine bemerkenswerte Folge haben.

Wenn, wie Friedrich Nietzsche bemerkt, das Ressentiment schöpferisch wird, manifestiert sich die Rache an den Tätigen in der Entwicklung von Schablonen ihres bösen Charakters. Was die Tätigen mit bösen Absichten vorgeblich tun, wir „typisch“ für sie. Alexander Somek stellt fest: „Diejenigen, die sich ihren Beruf oder Spaß daraus machen, von der Seitenlinie oder vom Balkon aus auf andere hinüber- oder hinunterzukeifen, müssen zwangsläufig dafür hohe moralische Maßstäbe für sich in Anspruch nehmen.“

Eine schöne Seele verlässt nie ihre Innerlichkeit

Immerhin wollen sie an jedem Handeln etwas auszusetzen finden, das signifikant genug ist, um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Alexander Somek erläutert: „Daran erkennt man, dass die Moralität der Untätigen mit der Heuchelei verwandt ist und aus dieser hervorgeht. Die hohen „reinen“ moralischen Maßstäbe verstärken die Handlungslähmung der Urteilenden.“ Georg Wilhelm Friedrich Hegel erstellte eine Diagnose dieser Art unter dem Titel der „schönen Seele“.

Damit verhielt er sich Friedrich Schiller gegenüber, bei dem der Begriff prominent verwendet wird, nicht fair. Alexander Somek erklärt: „Bei Schiller ist die schöne Seele jene, in der sich die Moralität der Gesinnung zwanglos in ein von Affekten bestimmtes Verhalten übersetzt und im Gehabe einer Person ausdrückt.“ Bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel ist eine solche Seele schön, die nie ihre Innerlichkeit verlässt, um ja nicht die Reinheit ihres Charakters beschmutzt zu sehen. Quelle: „Moral als Bosheit“ von Alexander Somek

Von Hans Klumbies