Sokrates lehrt einen neuen Umgang mit den existenziellen Fragen des Lebens

Agnes Callard bringt Sokrates in ihrem gleichnamigen Buch zurück in die Mitte unseres Lebens und zeigt, dass wir alle wie Sokrates denken können: Indem wir lernen, in sokratischer Manier Fragen zu stellen, um so einen neuen Umgang mit der Liebe, dem Tod und der Politik zu entdecken. Sokrates sah sich mit tiefgründigen Fragen konfrontiert, die er nicht beantworten konnte. Dabei kam er zu dem Schluss, dass dies nicht das Schlimmste, sondern das Beste war, was ihm je passiert war. Sokrates strebte nach Glück, indem er diesen Fragen nicht auswich oder sie beiseiteschob, sondern sich kopfüber in sie stürzte, und zwar so sehr, dass er in seinem Leben nie mehr etwas anderes tun wollte. Agnes Callard ist Professorin für Philosophie an der University of Chicago und forscht insbesondere zur antiken Philosophie und Ethik.

Der Schlüssel zum Erfolg liegt in den richtigen Gesprächen

Denken, so wie Sokrates es versteht, ist nichts, was in Ihrem Kopf stattfindet, sondern hörbar geschieht, im Gespräch. Er vertritt die Ansicht, dass wir nur dann eine Reihe von Widersprüchen über unser Denken lösen können – eine Reihe von Paradoxien darüber, inwiefern Denken offen, wissbegierig und der Wahrheit verpflichtet ist –, wenn wir anerkennen, dass Denken in Gemeinschaft mit anderen stattfindet. Das sokratische Motto lautet nicht: „Alles infrage stellen“, sondern: „Überzeugen oder überzeugt werden.“

Sokrates stellt die Behauptung auf: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Dieser Satz ist keine leere skeptische Geste, sondern vielmehr ein Plan fürs Leben. Er sagt uns, dass der Schlüssel zum Erfolg – egal, ob wir mit Problemen in der Ehe, der Angst vor dem Tod oder dem politisch aufgeheizten Minenfeld der sozialen Medien ringen – darin liegt, dass wir die richtigen Gespräche führen. Agnes Callard betont: „Da wir unser Leben nicht auf der Grundlage von Wissen führen können – weil es uns daran mangelt – sollten wir die zweitbeste Art von Leben führen, nämlich ein Leben, das nach Wahrheit strebt.“

Das Buch „Sokrates“ rüttelt auf und macht Mut

Sokrates bestreitet, dass es möglich ist, gegen sein besseres Wissen zu handeln und er bestreitet, dass irgendein Mensch es verdient hat, dass ihm Schaden zugefügt wird. Es gibt nur ein Problem, nämlich Unwissenheit. Und es gibt nur eine Lösung, nämlich zu lernen. Die sokratische Ethik beschränkt sich nicht darauf, jenem kleinen Teilbereich des Lebens, der explizit intellektuellen Beschäftigungen vorbehalten ist, eine skeptische Note zu geben. Sie dringt überall ein, in jede Interaktion, und erfüllt jeden Winkel des Lebens mit der Forderung, sich stärker des eigenen Verstandes zu bedienen.

Sokrates entdeckte, dass zwischen dem Eingeständnis der eigenen Unwissenheit und dem Ideal eines auf Wissen gründenden Lebens eine eigenständige Ethik des Hinterfragens und Prüfens liegt. In ihrem Buch „Sokrates“ stellt Agnes Callard auch die sokratische Ethik als ein neues und eigenständiges ethisches System mit bestimmten Kernaussagen und klaren ethischen Empfehlungen vor. Die sokratisch Ethik bietet praktische Orientierung: Sie sagt uns, dass wir ein philosophisches Leben führen sollten, und hilft uns zu erkennen, wie uns das gelingt. Diese Buch ist zugleich eine Erzählung, die aufrüttelt und Mut macht.

Sokrates
Wie man durch ein philosophisches Leben die Angst vor fast allem verliert
Agnes Callard
Verlag: C. H. Beck
Gebundene Ausgabe: 429 Seiten, Auflage: 2026
ISBN: 978-3-406-84408-9, 29,90 Euro

Von Hans Klumbies