Wissenschaft führt zu enormen Fortschritten

Für einen Wissenschaftler ist es ein fundamentaler Bestandteil seines Berufs, Dinge neu zu durchdenken. Er wird dafür bezahlt, sich ständig der Grenzen seiner Erkenntnis bewusst zu sein. Man erwartet von ihm, das anzuzweifeln, was er weiß, neugierig auf das zu sein, was er nicht weiß, und seine Ansichten auf der Basis neuer Daten zu aktualisieren. Adam Grant stellt fest: „Allein im letzten Jahrhundert hat die Anwendung wissenschaftlicher Prinzipien zu enormen Fortschritten geführt. Biowissenschaftler haben Penicillin entdeckt. Raketenwissenschaftler uns zum Mond geschickt. Computerwissenschaftler das Internet geschaffen.“ Wissenschaftler zu sein ist jedoch nicht einfach nur ein Beruf. Es ist eine Geisteshaltung – eine Denkweise, die sich vom Predigen, vom Anklagen und vom politischen Aktionismus unterscheiden. Adam Grant ist Professor für Organisationspsychologie an der Wharton Business School. Er ist Autor mehrerer internationaler Bestseller, die in 35 Sprachen übersetzt wurden.

Jeder Mensch kann Hypothesen aufstellen

Forscher schalten in den Modus des Wissenschaftlers, wenn sie nach der Wahrheit suchen. Sie führen Experimente durch, um Hypothesen zu überprüfen und Erkenntnisse zu gewinnen. Wissenschaftliche Werkzeuge sind nicht nur Menschen mit weißen Kitteln und Bechergläsern vorbehalten. Und ihre Nutzung erfordert nicht, sich jahrelang mit einem Mikroskop und einer Laborschale abzumühen. Hypothese haben ebenso sehr einen Platz im Alltag eines Menschen wie im Labor.

Wissenschaftler verwandeln sich in Prediger, wenn sie ihre Lieblingstheorien als Evangelium präsentieren und wohlüberlegte Kritik als Sakrileg betrachten. Sie begeben sich auf politisches Terrain, wenn sie zulassen, dass ihre Ansichten durch Popularität statt durch Genauigkeit beeinflusst werden. Sie wechseln in den Modus des Staatsanwalts, wenn sie wild entschlossen sind, zu widerlegen und zu diskreditieren, statt zu entdecken. Nachdem Albert Einstein die Physik mit seiner Relativitätstheorie auf den Kopf gestellt hatte, widersetzte er sich jedoch der Quantenrevolution.

Intelligente Menschen neigen zu Stereotypen

Adam Grant weiß: „Mentale Stärke garantiert keine geistige Beweglichkeit. Egal, wie intelligent Sie sind, wenn es Ihnen an der Motivation fehlt, Ihre Meinung zu ändern, werden Sie viele Gelegenheiten verpassen, noch einmal nachzudenken.“ Forschungen zeigen: Je besser man bei einem IQ-Test abscheidet, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass man auf Stereotype hereinfällt, weil man schneller Muster erkennt. Und neuere Experimente legen nahe: Je intelligenter man ist, umso mehr hat man unter Umständen damit zu kämpfen, seine Überzeugungen zu aktualisieren.

Die Psychologie kennt unter anderem den Bestätigungsfehler. Nämlich das zu sehen, was man zu sehen erwartet. Ein anderes Bias ist die Erwünschtheitsverzerrung. Nämlich zu sehen, was man sehen will. Diese beiden Bias hindert einen Menschen nicht nur daran, seine Intelligenz einzusetzen. Sie können die Intelligenz sogar zu einer Waffe gegen die Wahrheit machen. Das Tragische ist, dass man sich normalerweise der daraus resultierenden Denkfehler nicht bewusst ist. Quelle: „Think Again“ von Adam Grant

Von Hans Klumbies

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