Ein gutes Leben verlangt Gestaltungslust

Menschen erfinden Technologien – und Technologien erfinden Menschen. Rebekka Reinhard nennt Beispiele: „Die Einführung der Waschmaschine hat eine Spezies hervorgebracht, die glaubt, jeden Tag frisch gewaschene Jeans tragen zu müssen. Die Einführung des Computers hat Individuen hervorgebracht, die lieber mit cleanen Zahlen und coolen Tabellen operieren, als sich mit der Materialität der Welt selbst zu befassen.“ Wem die minimalistische Ästhetik und die hohe Rechenkompetenz von Apple-Geräten als paradigmatischer Hygienestandard gelten, für den müssen Absurditäten das Letzte sein. Aber was, wenn alle Screens schwarz werden? Wenn das Unerwartete, Unbegreifliche, Entsetzliche alle dogmatischen Gewissheiten beschmutzt und in den Abgrund zerrt? Dann zeigt sich, was vom guten Leben bleibt. Rebekka Reinhard ist Chefredakteurin des Magazins „human“ über Mensch und KI. Unter anderem ist sie bekannt durch den Podcast „Was sagen Sie dazu?“ der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft wbg.

Absurdität kann der Beginn eines einzigartigen Abenteuers sein

Was viele Menschen als absurd wahrnehmen, könnte auch der Beginn eines einzigartigen Abenteuers sein. Rebekka Reinhard betont: „Ein gutes, glückliches, sinnvolles Leben – eudaímonia – ergibt sich nur dadurch, dass man lebt, fühlt, denkt, tut. Die Eudaimonie ist nichts Gegebenes, sondern etwas immer zu Erreichendes. Ein gutes Leben verlangt Gestaltungslust.“ Eine gewisse Neugier auf Zufall und Kontingenz. Einen Pragmatismus, der Zweifel, Misserfolge, Katastrophen als Teil der conditio humana begrüßt, statt sie zu verdammen.

Wer mit dem Absurden Frieden geschlossen hat, muss nicht mehr kämpfen, sondern kann spielen. Rebekka Reinhard erklärt: „Das Absurditätsspiel zu spielen, bedeutet nicht, zum Zyniker oder Nihilisten zu werden, sondern mit Angstlust die Befreiung aus erstarrtem Denken, starren Konventionen, verhärteten Gewohnheiten zu wagen.“ Man kann annehmen, dass der Sinn menschlicher Existenz in der spielerisch-experimentellen Suche nach diesem Sinn selbst liegt.

Es gibt nichts Spannenderes als das Leben

Wenn die Behauptung zutrifft, dass die Eudaimonie das sogenannt Absurde ein- und nicht ausschließt, dann kann einem die Computer-Logik schon mal fremd werden. Dann mutiert das große Entweder-Oder selbst zu einem absurden Rätsel. Rebekka Reinhard stellt fest: „Das Absurde ist keine Katastrophe – in ihm liegt die immer neue Chance auf ein gutes Leben. Die kleinste Absurdität ist eine Erinnerung daran, dass nicht alles besser, aber immer alles anders wird.“

Im Umgang mit dem Absurden helfen weder Dogmatismus noch Verzweiflung. Es gibt nichts Spannenderes, nichts Geheimnisvolleres als das Leben. Weil es schrecklich verletzlich machen kann – und überwältigend menschlich. „Eine Unmenge an Dingen, die es über unser Universum zu erfahren gilt, ist verstehbar, aber eine unbekannte und wahrscheinlich viel größere Menge ist absolut nicht beschreibbar, und, wie auch heute, werden wir niemals alles verstehen“, schrieb der britische Wissenschaftler James Lovelock. Mit 99 Jahren. Quelle: „Wach denken“ von Rebekka Reinhard

Von Hans Klumbies