Die wissenschaftliche Revolution entstand dank der Unwissenheit

Spätestens seit der kognitiven Revolution besitzen die Menschen das unwiderstehliche Bedürfnis, das Universum zu verstehen. Unsere Vorfahren nahmen sich viel Zeit, um die Geheimnisse der Natur zu erforschen. Doch die moderne wissenschaftliche Tradition unterscheidet sich laut Yuval Noah Harari durch eine Kombination von drei wesentlichen Eigenschaften von allen anderen Traditionen des Wissens. Der erste Unterschied besteht im Eingeständnis des Unwissens. Die moderne Forschung ist bereit zuzugeben, dass sie nicht alles weiß. Sie geht sogar davon aus, dass das gesamte Wissen, das heutzutage existiert, in der Zukunft durch neue Erkenntnisse widerlegt werden kann. Es gibt keine Vorstellung und keine Theorie, die nicht hinterfragt werden könnte. Die zweite Eigenschaft besteht in der zentralen Bedeutung von Beobachtung und Mathematik. Die moderne Wissenschaft versucht ständig, neues Wissen zu erwerben.

Die moderne Wissenschaft entwickelt ständig neue Technologien

Dabei werden Beobachtungen mithilfe mathematischer Instrumente zu allgemeingültigen Theorien verknüpft. Die dritte Eigenschaft besteht in dem Erwerb neuer Fähigkeiten. Yuval Noah Harari erklärt: „Die moderne Wissenschaft gibt sich nicht damit zufrieden, Theorien aufzustellen. Sie nutzt diese Theorien, um neue Fähigkeiten zu erwerben und vor allem neue Technologien zu entwickeln.“ Die wissenschaftliche Revolution war deshalb auch keine Revolution des Wissens, sondern vor allem eine Revolution der Unwissenheit.

Die wissenschaftliche Revolution wurde also durch die Erkenntnis losgetreten, dass die Menschen nicht im Besitz der Wahrheit sind, und dass sie auf die wichtigsten Fragen der Menschheit keine Antwort kennen. Vormoderne Wissenstraditionen wie das Christentum, der Islam, der Buddhismus oder der Konfuzianismus erklärten, dass alles Weltwissen bereits vorhanden und bekannt sei. Es war unvorstellbar, dass die Bibel, der Koran oder die Veda ein entscheidendes Geheimnis des Universums übersehen haben könnten.

Die Menschheit kann die wichtigsten Fragen nach wie vor nicht beantworten

Diese Traditionswissenschaften kennen nur zwei Arten von Unwissenheit: Erstens können Einzelne aus irgendeinem Grund eine entscheidende Erkenntnis nicht wahrgenommen haben. Und zweitens kann eine ganze Wissenstradition keine Kenntnis von unbedeutenden Details haben. Ganz so einfach war das natürlich nicht. Yuval Noah Harari kennt den Grund: „Selbst in allerfrömmsten Zeiten gab es immer Menschen, die behauptetet, es gebe sehr wohl zentrale Fragen, zu denen die Weisen und die Heiligen Schriften keine Antwort wussten.“

In der Regel wurden solche Menschen jedoch verfolgt oder gleich ganz zum Schweigen gebracht. Oder sie gründeten ihre eigene Wissenstradition und behaupteten nun ihrerseits, dass sie alles wüssten, was es zu wissen gab. Die modernen Wissenschaften haben dagegen ein völlig neues Wissensverständnis und gehen davon aus, dass die Menschheit die wichtigsten Fragen nach wie vor nicht beantworten kann. Auch nach Jahrhunderten der Forschung geben Biologen freimütig zu, dass sie immer noch nicht wissen, wie das Bewusstsein im Gehirn entsteht.

Von Hans Klumbies

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