Der Mensch gibt sich durch die Verwendung von Zeichen Sinn und Orientierung

Laut Ernst Cassirer (1874 – 1945) ist der Mensch vor allem ein zeichenverwendendes und zeichenhervorbringendes Wesen – ein „animal symbolicum“. Wolfram Eilenberger ergänzt: „Er ist mit anderen Worten ein Wesen, das sich selbst und seiner Welt durch die Verwendung von Zeichen Sinn, Halt und Orientierung gibt. Das wichtigste Zeichensystem des Menschen ist dabei seine natürliche Muttersprache.“ Doch gibt es zahlreiche andere Zeichensysteme – in Ernst Cassirers Begrifflichkeit: „symbolische Formen“ –, etwa die des Mythos, der Kunst, der Mathematik oder der Musik. Diese Symbolisierungen, seien es sprachliche, bildliche, akustische oder gestische Zeichen, verstehen sich in der Regel nicht von selbst. Der fortlaufende Prozess, in dem Zeichen in die Welt gesetzt und durch andere Menschen interpretiert und verändert werden, ist der Prozess der menschlichen Kultur. Wolfram Eilenberger war langjähriger Chefredakteur des „Philosophie Magazins“, ist „Zeit“-Kolumnist und moderiert „Sternstunden der Philosophie im Schweizer Fernsehen.

Die Basis für das metaphysische Wesen Mensch ist die Angst

Erst diese Fähigkeit zur Zeichenverwendung ermöglicht es dem Menschen, metaphysische Fragen, ja überhaupt Fragen über sich und die Welt zu stellen. Immanuel Kants „Kritik der reinen Vernunft“ wird für Ernst Cassirer zum Projekt einer Untersuchung der symbolischen Formsysteme, mit denen die Menschen sich und ihrer Welt Sinn verleihen. Es wird damit zu einer „Kritik der Kultur“ in ihrer ganzen, notwendig widersprüchlichen Breite und Vielfalt. Auch Martin Heidegger (1889 – 1976) betont die Wichtigkeit des Mediums der Sprache für das Dasein des Menschen.

Aber die eigentliche Grundlage für dessen metaphysisches Wesen sieht Martin Heidegger nicht in einem allgemein geteilten Zeichensystem, sondern in einem höchst individuellen Gefühl – und zwar der Angst. Wolfram Eilenberger erläutert: „Genauer der Angst, die den Einzelnen erfasst, wenn er oder sie sich der Endlichkeit seiner Existenz voll bewusst wird. Das Wissen um die eigene Endlichkeit, das den Menschen als in die Welt „geworfenes Dasein“ auszeichnet, wird diesem – vermittelt über die Angst – zum Auftrag, seine jeweils ganz eigenen Seinsmöglichkeiten zu ergreifen und zu erkennen.“

Die Weltsicht von Walter Benjamin ist eine tief symbolische

Martin Heidegger nennt dieses Ziel „Eigentlichkeit“. Die Seinsweise des Menschen zeichnet sich ferner durch ihre unhintergehbare Verwiesenheit auf die Zeit aus. Zum einen über die jeweils einmalige historische Situation, in die sich seine Existenz ungefragt geworfen findet. Zum anderen über das Wissen dieser Existenz um ihre Endlichkeit. Die von Ernst Cassirer ausgewiesene Sphäre der Kultur und des allgemeinen Zeichengebrauchs kommt nach Martin Heideggers Interpretation vor allem die Aufgabe zu, den Menschen von seiner Angst, von seiner Endlichkeit und damit dem Auftrag der Eigentlichkeit abzulenken.

Die Rolle des Philosophierens besteht laut Martin Heidegger gerade darin, den Menschen für die wahren Abgründe seiner Angst offen zu halten und ihn so im eigentlichen Sinne zu befreien. Die Weltsicht von Walter Benjamin (1892 – 1940) ist eine tief symbolische: Jeder Mensch, jedes Kunstwerk, jeder noch so alltägliche Gegenstand ist ihm ein zu entschlüsselndes Zeichen. Und jedes dieser Zeichen steht in einer höchst dynamischen Verbindung mit allen anderen Zeichen. Womit die wahrheitsorientierte Deutung solche eines Zeichens für ihn auf nichts anderes hinausläuft, als dessen Eingebundenheit in das große, sich beständig verändernde Zeichenganze aufzuweisen und gedanklich durchzuspielen: Philosophie. Quelle: „Zeit der Zauberer“ von Wolfram Eilenberger

Von Hans Klumbies

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