Wie sich Wunderkinder von Spätzündern unterscheiden

Der geniale Filmregisseur Orson Welles filmte sein Meisterwerk „Citizen Kane“ als er 25 Jahre alt war. Der amerikanische Schriftsteller Herman Melville erreichte seinen literarischen Höhepunkt im Alter von 32 Jahren mit dem Roman „Moby Dick“. Der englische Regisseur Alfred Hitchcock dagegen drehte seine besten Filme im Alter zwischen 54. und 61. Jahren. Wissenschaftler beschäftigen sich immer wieder mit der Frage, worin der Unterschied zwischen Wunderkindern und Spätzündern besteht. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird Genie in der Regel mit Frühreife gleichgesetzt. Man geht davon aus, dass eine kreative Schöpfung die Energie und den Überschwang der Jugend benötigt.

In der Lyrik dominieren die Wunderkinder

In der Lyrik gilt das junge Genie geradezu als unumstößliches Gesetz. Der Kreativitätsforscher James Kaufmann behauptet: „Dichter erreichen ihren schöpferischen Höhepunkt sehr früh.“ Der Bestsellerautor Mihály Csíkszhentmihályi stimmt dieser Einschätzung zu: „Die meisten lyrischen Gedichte werden von jungen Menschen geschrieben.“ Der Psychologe Howard Gardner ist davon überzeugt, dass ein Talent in der Lyrik früh entdeckt wird, wie eine Kerze an beiden Enden lodert und in jungen Jahren wie eine Sternschnuppe verglüht.

Der Wirtschaftswissenschaftler David Galenson überprüfte vor einigen Jahren diese Vorstellung der Kreativität. Er wollte feststellen, ob wirklich nur Wunderkinder geniale Lyriker, Schriftsteller oder Künstler sein können. Er fand heraus, dass zum Beispiel Mark Twain bereits 49 Jahre alt war, als er den Roman „Huckleberry Finn“ veröffentlichte. Daniel Defoe schrieb seinen „Robinson Crusoe“ sogar erst im Alter von 58 Jahren. Der Kunstliebhaber David Galenson beschäftigte sich auch mit den Biografien von Malern.

Die Spätzünder experimentieren und tasten sich zur ihren Meisterwerken

Dabei war sein Vergleich zwischen Pablo Picasso und Paul Cézanne besonders aufschlussreich. Der spanische Maler entsprach in allen Facetten der Vorstellung eines Wunderkinds. Bis zum Alter von 26 Jahren malte Pablo Picasso ein Meisterwerk nach dem anderen. Bei Paul Cézanne dagegen dauerte die künstlerische Entwicklung zur Meisterschaft wesentlich länger. Er malte seine besten Bilder in seinen letzten Lebensjahren. David Galenson begründet den Unterschied wie folgt: „Wunderkinder arbeiten konzeptionell, sie begeben sich nicht auf unbestimmte Suchen. Zu haben schon zu Beginn eine klare Vorstellung von dem, was sie wollen, und setzen es dann um.“

Laut David Galenson arbeiten Spätzünder oft genau anders herum. Er schreibt: „Sie experimentieren. Sie haben keine klaren Ziele, also gehen sie tastend, Schritt für Schritt vor.“ Auch den Spätzündern mangelt es wie den Wunderkindern nicht an Ehrgeiz. Allerdings funktioniert ihre Kreativität über die Methode der Versuche und des Irrtums, die viel Zeit erfordert, bis die genialen Schöpfungen dann das Licht der Welt erblicken. Mark Twain schrieb beispielsweise ein ganzes Jahrzehnt an seinem „Huckleberry Finn“. Oft ist die Genialität nichts Außerirdisches, sondern nur das Ergebnis von unendlichen, jahrzehntelangen Mühen am Schreibtisch oder an der Leinwand.

Von Hans Klumbies

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