Eine beglückende Begegnung zwischen Literatur und Philosphie

Der Schriftsteller Michael Köhlmeier erzählt eine Geschichte, der Philosoph Konrad Paul Liessmann erklärt, welche Grundfragen des menschlichen Leben sin ihr verborgen ist. Die beiden Denker führen einen meisterhaften Dialog über zwölf Begriffe, die die meisten Menschen bewegen. Sie lauten: „Neugier, Arbeit, Gewalt, Rache, Lust, Geheimnis, Ich, Schönheit, Meisterschaft, Macht, Grenze, Schicksal.“ Zu seinen Geschichten wurde Michael Köhlmeier von antiken Sagen und Volksmärchen inspiriert. Anschließend zeigt Konrad Paul Liessmann in seiner Interpretation, was er aus diesen Geschichten über die Spielregeln und Möglichkeiten der Welt herausliest. Das erste Kapitel über die Neugier handelt vom Paradies und davon, dass Gott Adam und Eva verflucht hat, nachdem sie vom Baum der Erkenntnis gegessen haben. Michael Köhlmeier lebt als Schriftsteller in Hohenems / Vorarlberg und Wien. Paul Konrad Liessmann ist Professor für Philosophie an der Universität Wien.

Die Askese tarnt sich als Stärke

Entscheidend am Paradies ist, dass die Menschen daraus vertrieben worden sind. Für Konrad Paul Liessmann gibt es keine Rückkehr ins Paradies, auch wenn die Sehnsucht vieler Menschen danach ungebrochen ist. Jedes Zurück zur Natur, jede Verklärung eines kindlichen und damit unschuldigen Zustandes möchte gleichsam den Preis der Freiheit nicht zahlen. Zu diesem Preis gehör aber auch die furchtbare Einsicht in die menschliche Sterblichkeit. Auch wenn man es so genau gar nicht wissen will: Wer neugierig ist, muss mit allem rechnen.

Im Kapitel Lust erzählt Michael Köhlmeier vom heiligen Ägidius. König Wamba verkündete überall, er sei im Wald einem Heiligen begegnet, der von Gott auserkoren sei, die Schmerzen des Landes auf sich zu nehmen. Ihm zu Ehren wurde ein Kloster errichtet, dem er als erster Abt vorstand. Konrad Paul Liessmann erklärt, dass allem Schmerz, allem Leid, aller Qual, allem Weh eines wesentlich ist: das es aufhören soll. Nur Lust will Dauer. Ägidius rührt am Geheimnis jeder Askese: Es ist eine Schwäche, die sich als Stärke tarnt.

Nichts ist so verführerisch wie Geld

Die Erzählung von der Macht handelt von Hiob, der vom Teufel mit einem Unglück nach dem anderen geschlagen wird, selbst aber verschont wird. Aber Hiob sündigte nicht, wie es vielleicht andere Menschen getan hätten, sondern pries den Namen des Herrn, trotz aller Katastrophen, die über ihn hereinbrachen. Hiob wird laut Konrad Paul Liessmann in Versuchung geführt, indem ihm alles genommen wird. Diese wirkmächtige Geschichte wirft die Frage auf: „Wie lässt sich ein guter Gott angesichts der Übel dieser Welt rechtfertigen?

Das letzte Kapitel über das Schicksal handelt von Judas, der sich Jesus anschloss und ein treuer Jünger wurde. Er verwaltete das Geld der Apostel. Und dann verriet er Jesus für lächerliche dreißig Silberlinge. Niemand weiß, warum er ihn verraten hat. Für Konrad Paul Liessmann ist nichts so verführerisch wie Geld. Als bloßes Werkzeug in den Händen einer höheren Macht will der österreichische Philosoph Judas nicht sehen. Es kann seiner Meinung nach auch Würde darin liegen, das zu tun, was getan werden muss.

Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist, Adam?
Mythologisch-philosophische Verführungen
Michael Köhlmeier / Konrad Paul Liessmann
Verlag: Hanser
Gebundene Ausgabe: 222 Seiten, Auflage: 2016
ISBN: 978-3-446-25288-2, 20,00 Euro

Von Hans Klumbies

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