Wenn Frauen die Lust am Sex verlieren

An der sexualmedizinischen Sprechstunde der Medizinischen Hochschule in Hannover hat Uwe Hartmann in den vergangen zehn Jahren eine Forschungsgruppe aufgebaut, die sich mit der weiblichen Sexualität beschäftigt. Der Therapeut erzählt, dass die Frauen in den siebziger Jahren über die Schwierigkeiten klagten, einen Orgasmus zu bekommen, während sie heute Rat suchen, weil ihnen die Lust am Sex abhanden gekommen ist. Viele Frauenärzte können in einem solchen Fall ihren Patientinnen nicht helfen, weil ihnen eine sexualtherapeutische Ausbildung fehlt. Bei den wenigen qualifizierten Sexualtherapeuten gibt es lange Wartezeiten.

Die Lust entsteht im Kopf der Frauen

Uwe Hartmann kennt die Klagen der frustrierten Frauen und sagt: „Behauptungen, sexuelle Probleme von Frauen seinen eine Erfindung der Pharmaindustrie, finde ich unerhört.“ Neue Forschungen im Bereich der Sexualität bestätigen alte Vermutungen: Frauen können Sex haben, wollen aber nicht. Männer wollen Sex haben, können aber nicht. Für Männer ist der Geschlechtsverkehr ein probates Mittel, um Stress abzubauen, während Frauen abschalten müssen, um sich auf die sexuellen Spiele der Liebe einzulassen.

Vom neurologischen Standpunkt aus betrachtet, funktionieren Männer, wenn sie Sex haben möchten, nach dem Motto „Warum nicht?“, während Frauen sich die Frage stellen „Muss das sein?“. Die neuen Forschungen belegen, dass das Sexualleben der Frauen wesentlich anspruchsvoller und einzigartiger ist als das der Männer. Die Lust entwickelt sich nicht aus den geheimnisvollen Tiefen des Unterbewusstseins, sondern entsteht vielmehr, wenn äußere Reize als verlockend und sexuell stimulierend gedeutet werden. Die Lust entsteht also im Kopf.

Sexualtherapeuten können den Lustlosen in den meisten Fällen helfen

Die Münchner Frauenärztin Birgit Delisle bestätigt diese Erkenntnisse: „Das wichtigste Sexualorgan der Frau ist das Gehirn.“ Sexualwissenschaftler haben inzwischen auch herausgefunden, dass das Gleichgewicht zwischen hemmenden und aufputschenden Botenstoffen eine zentrale Rolle bei der Lust einnimmt. In der heutigen Zeit hat sich auf die Paare im Bereich der Sexualität ein enormer Druck durch die Medien aufgebaut. Das Ideal vom guten Sex ist in den seltensten Fällen zu erfüllen.

Natürlich gibt es auch plausible Gründe für Phasen, in den die Lust bei der Frau eine untergeordnete Rolle spielt – beispielsweise nach der Geburt eines Kindes. Auch mit steigendem Alter der Frau lässt die sexuelle Begierde gewöhnlich nach, was aber nicht zwangsmäßig der Fall sein muss. Sexualtherapeuten sprechen in der Regel nur dann von einer sexuellen Störung, wenn die betroffene Frau unter ihrer fehlenden Lust am Sex leidet. Der Anteil der lustlosen Frauen wird auf etwa zehn Prozent geschätzt.

Die Hamburger Gynäkologin Anneliese Schwenkhagen klärt ihre Patienten dahingehend auf, dass die Lust auch manchmal erst beim Sex entsteht und nicht jeder sexuelle Akt mit einem gewaltigen Orgasmus enden muss. Außerdem zerstreuen Sexualwissenschaftler den Mythos, guter Sex komme nur beim spontanen Liebesspiel vor. Wer keine Lust auf Sex hat und dies als Problem empfindet muss aber keineswegs resignieren. Der Heidelberger Sexualtherapeut Ulrich Clement macht ihnen Hoffnung: „Die richtig Lustlosen kann man meistens ganz gut paardynamisch oder psychologisch behandeln.“

Von Hans Klumbies

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