Warum die deutsche Wirtschaft eine neue Moral braucht

Hans Leyendecker kritisiert das Verhalten der deutschen Manager aufs Schärfste: noch nie wurde in Deutschland derart gemauschelt und betrogen wie heute. Weltkonzerne wie VW, Siemens oder EADS ruinieren wegen kurzfristiger Vorteile im Globalisierungswettbewerb ihren Ruf. Die Gier der Manager scheint keine Grenzen zu haben. Dabei wird nicht berücksichtigt, dass durch diese Habsucht der Verlust ganzer Märkte droht. Hans Leyendecker ist davon überzeugt, dass Deutschland eine neue Ethik braucht, damit die Wirtschaft nicht abstürzt.

Die Wirtschaft funktioniert auch ohne Schmiergeldzahlungen

Er beleuchtet, wie die Unternehmen versuchen, ihre Affären zu verschleiern und beschreibt wie diese Skandale durch das politische und wirtschaftliche System noch gefördert werden. Der Autor skizziert Handlungsmöglichkeiten für die Justiz und stellt praktikable Ethikregeln auf. Dass es auch ohne Schmiergeldzahlungen geht, zeigt Hans Leyendecker im Beispiel von General Electric (GE).

Der amerikanische Konzern ist auf denselben Märkten wie Siemens engagiert und doch weitgehend von Skandalen verschont geblieben ist. Seit Jahrzehnten werden dort Ethikgrundsätze nach dem Motto angewandt: „Wer unsauber arbeitet und erwischt wird, fliegt und kommt auch bei keinem verwandten Unternehmen mehr unter.“

Siemens zahlt Schmiergelder in Milliardenhöhe

Im Kapitel „Jedem das Seine, mir das meiste“ schildert der Autor den Aufstieg und Fall des Chefs des Halbleiterherstellers Infineon Technologies AG, Ulrich Schumacher. Es folgen 79 Seiten über das System Siemens, dargestellt als Chronologie einer Katastrophe. Der erste Höhepunkt der Affäre war erreicht als die Konzernspitze am 12. Dezember 2006 zugeben musste, dass Zahlungen von 420.000 Millionen Euro zweifelhaft seien. Damals ahnte noch niemand, wie inzwischen bekannt wurde, dass sich die Schmiergeldzahlungen im Milliardenbereich bewegen könnten.

Auf 60 Seiten geht Hans Leyendecker auf den Fall VW ein, der durch Lustreisen für Co-Bosse, die der Normalbürger nicht für möglich hielt, in die negativen Schlagzeilen gerieten. Gebauer, Schuster, Volkert und Harz waren die Hauptdarsteller in der Reality-Show „Lustreisen auf Firmenkosten“. Allein Folkert soll dem VW-Konzern einen Schaden von 2,6 Milliarden Euro zugefügt haben.

In Deutschland gilt das Aufdecken von Missständen als Verrat

An vier Fallstudien zeigt der Autor die zum Teil dramatischen Konflikte von Personen mit moralischem Rückgrat, die ihre Stimme erhoben, als sie merkten, dass in ihrem Unternehmen unlautere Geschäftspraktiken geschahen. Aus den Erfahrungen der Whistleblower leitet Leyendecker einen neuen verbesserten Schutz für sie ab. Denn leider wird auch in Deutschland das Aufdecken von Missständen, nicht als lobenswert, sondern eher als Wichtigtuerei, Verrat oder Denunziation angesehen.

Im vorletzten Kapitel geht es um die wichtigsten Anforderungen an ein Compliance-System, die wie folgt lauten: „Die Beachtung von Recht und Gesetz ist für das Unternehmen und seine Mitarbeiter oberstes Gebot. Jeder Beschäftigte muss im Falle eines Verstoßes […] wegen der Verletzung seiner arbeitsvertraglichen Pflichten mit disziplinarischen Konsequenzen rechnen. Führungskräfte haben dafür zu sorgen, dass die Einhaltung der gesetzlichen Bestimmungen laufend kontrolliert wird.“

Hans Leyendecker: „Unternehmen müssen strafrechtlich haften“

Hans Leyendecker vertritt die Meinung, dass die Justiz allein nicht alles leisten kann, was von ihr erwartet wird. Für ihn gilt, andere Wege zu finden, um die Wirtschaftskriminalität zu erschweren. Ein Weg wäre, Mitarbeiter dazu zu bringen, im eigenen Interesse so zu handeln, wie sie es im Interesse der Allgemeinheit tun sollten. Außerdem bemängelt der Autor, dass die Ausbildung der jungen Juristen an dem Gebiet der Wirtschaftskriminalität vorbeigehe. Hier gibt es dringenden Änderungsbedarf.

Außerdem plädiert Hans Leyendecker für die strafrechtliche Haftung von Unternehmen, wie es im amerikanischen Rechtssystem schon seit Ende des vorigen Jahrhunderts verankert ist, um Korruption einzudämmen und gegen Kartelle vorzugehen. Hans Leyendecker ist nicht so blauäugig, zu glauben, dass sich mit Hilfe strenger Richtlinien, ethisch orientierter Ausbildung und eines umfassenden Compliance-System eine vollständige Beachtung der Regeln und Strafgesetze bei allen Mitarbeitern erreichen ließe. Aber ohne Compliance ist alles nichts.

Die große Gier
Korruption, Kartelle, Lustreisen: Warum unsere Wirtschaft eine neue Moral braucht
Hans Leyendecker
Verlag: rowohlt Berlin
Gebundene Ausgabe: 299 Seiten, Auflage: September 2007
ISBN: 978-3-87134-594-4, 19,90 Euro

Von Hans Klumbies

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