Rund eine Million Menschen in Deutschland sind Veganer

Dass inzwischen selbst Essensregeln eine politische Sprengkraft entwickeln können, zeigt sich nirgends so deutlich wie beim Megatrend Veganismus. Anders als Vegetarier lehnen Veganer nicht nur Fleisch, sondern auch Milchprodukte, Eier und Honig ab – also alles, was tierisches Eiweiß enthält oder vom Tier stammt. Wie viele Menschen sich in Deutschland vegan ernähren, ist nicht bekannt. Glaubt man dem Vegetarierbund, sind es bereits bis zu eine Million Menschen – Tendenz steigend. Relativ genau erforschst ist dagegen, welcher Typ von Verbraucher sich vegan ernährt: Wer auf tierische Produkte verzichtet, ist mehrheitlich zwischen 30 und 50 Jahre alt, überwiegend weiblich, steht politisch eher links, ist überdurchschnittlich gebildet, einkommensstark und lebt in einem urbanen Umfeld. Der Theologe Kai Funkschmidt stellt fest: „Veganer sind damit dem Milieu der grünen Bourgeoisie zuzurechnen.“

Ethisch motivierte Veganer lehnen tierische Produkte grundsätzlich ab

In der veganen Szene gibt es zwei große Gruppen: die gesundheitlich motivierten Ernährungsveganer und die ethisch motivierten Lebensstilveganer. Wenn sich jemand aus gesundheitlichen Gründen auf die vegane Ernährungsweise konzentriert, drückt er damit auch sein gesellschaftliches Misstrauen aus: In Zeiten industrieller Massenproduktion geht es dem Veganer darum, die Kontrolle über die eigene körperliche Existenz wiederzuerlangen. Allerdings ist es kein politisch motiviertes Misstrauen, es ist ganz egoistisch nur der eigene Körper, der interessiert.

Tierrechte, Klimaschutz und Ökologie tauchen in der Argumentation allenfalls am Rande auf. Bei den ethisch motivierten Veganern schaut dies allerdings ganz anders aus. Hier geht es gerade nicht um den eigenen Körper, die Ablehnung tierischer Produkte ist grundsätzlich und dehnt sich deshalb oft auf alle Lebensbereiche aus: Klamotten aus Leder, Seide oder Wolle sind tabu, ebenso Daunenkissen, aber auch Apfelsaft, weil der mit Gelatine gefiltert sein kann. Theoretisch begründet wird die Ablehnung der tierischen Produkte mit Tierrechten, ökologischen Anliegen und Gerechtigkeitsfragen.

Dem Verzicht wird eine glückseligmachende Wirkung zugeschrieben

Die massenhafte Tierproduktion, so eine Argumentation, verbrauche Land, verschwende Wasser und Energie, was wiederum zu Landraub und Hunger führe. Der ethische motivierte Veganismus betrachtet die Ernährung also nicht als Frage des persönlichen Wohlbefindens oder der Förderung der Gesundheit, sondern als die Frage nach dem richtigen Verhalten. Vegan zu leben, so ist das durchgängig beschworene Motiv, ist besser für die Zukunft für die Menschheit, bringt Frieden, Glück und Erlösung. Für alle.

Es hat eine gewisse Ironie, dass es ausgerechnet der Verzicht ist, dem die glückseligmachende Wirkung zugeschrieben wird. Und doch ist es die schon fast logische Gegenreaktion auf den Überfluss, die Maßlosigkeit und verwirrende Vielfalt, die die Lebensmittelindustrie in den vergangenen Jahrzehnten erschaffen hat. Und dabei blendend am Verzicht verdient. Sie hat eine regelrechte „Free-From-Industrie“ entwickelt, weil sich mit dem Verzicht ebenso viel Geld verdienen lässt wie mit der Völlerei. Quelle: Der Spiegel

Von Hans Klumbies


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