Die Liebe ist die schönste Form der Selbsterfahrung

Ein in Vergessenheit geratener Weg zu sich selbst ist für Uwe Böschemeyer die Begegnung mit der Welt außerhalb des eigenen Selbst. Einen solchen Weg beschreibt der Religionsphilosoph Romano Guardini wie folgt: „Wir sehen ein Ding, empfinden seine Eigenart, seine Größe, seine Schönheit, seine Not – und sofort, wie ein lebendiges Echo, antwortet darauf etwas in uns selbst, wird wach, erhebt sich, entfaltet sich. Kann man doch den Menschen geradezu jenes Wesen nennen, das fähig ist, mit seinem inneren Sein auf die Dinge der Welt zu antworten und eben darin sich selbst verwirklichen.“ Im Jahr 1975 erwarb Uwe Böschemeyer bei Prof. Viktor Frankl sein Zertifikat in Logotherapie und Existenzanalyse. 1982 gründete er das Institut für Logotherapie in Hamburg. Die Schwerpunkte seiner Arbeit sind die Wertimagination und die Wertorientierte Persönlichkeitsbildung.

Die meisten Menschen sind blind für ihr Wesen

Wahrscheinlich ist das sie schönste Form der Selbsterfahrung: mehr von sich selbst zu erkennen, wenn man geliebt wird oder selber liebt. Denn die Liebe bringt die besten Seiten eines Menschen an den Tag, zum Beispiel die Verantwortlichkeit, die Aufmerksamkeit und den Mut, für sich selbst und andere da zu sein, die Bereitschaft zum Verzicht und vieles andere mehr. Wenn man geliebt wird oder selber liebt, bringt man mehr und mehr aus sich hervor, was den Menschen eigentlich erst zum Menschen macht.

Je tiefer die Liebe in einem herrscht, desto näher kommt man seiner eigenen „größeren“ Person. Oscar Wilde bemerkte einmal: „Erkenne dich selbst! stand am Eingang der antiken Welt geschrieben. Über dem Eingang der neuen Welt wird geschrieben stehen: Sei du selbst!“ In seinem Buch „Durchbruch zum Selbst“ schreibt Graf Dürckheim: „Die immer ausschließlicher gewordene Bezogenheit des Menschen auf das reale Dasein hat ihn fast blind gemacht für sein Wesen.“ Das Wesen eines Menschen ist für Uwe Böschemeyer das, was von ihm entdeckt werden will, das Treue von ihm erwartet, Achtung, Anerkennung, Liebe.

Das Wesen ist nichts Geringeres als das Tiefste im Menschen

Das Wesen eines Menschen kann verstellt sein, verdeckt oder gefesselt, doch kann es aufgrund seiner Einzigartigkeit nicht verloren gehen. Und deshalb wartet es darauf, sich in seinem Facettenreichtum entfalten zu können. Uwe Böschemeyer erläutert: „Jeder Mensch trägt auf seinem Weg durchs Leben ein inneres, einzigartiges, unverwechselbares Bild mit sich, und dieses Bild ist Ausdruck seines Wesens, seiner Originalität, seiner selbst.“ Es zeigt sich sowohl in Wertimaginationen als auch in Nacht- und Tagträumen.

Das Wesen eines Menschen wird besonders sichtbar in den Augenblicken des Liebens und Geliebtwerdens. Es nähert sich den Menschen auch in der Form von Ahnungen und auch in tiefer Not. Es wartet darauf, zum Vorschein, zum Bewusstsein, zum Leben kommen zu können, in welcher Form auch immer. Sein Wesen ist nichts Geringeres als das Tiefste im Menschen, sein Innerstes, das, was er eigentlich, im Grunde, seinen Möglichkeiten nach ist. Wenn ein Mensch sein inneres Bild erlebt, gewinnt er das Gefühl, bei sich selbst zu sein, zu sich zu stehen, mit sich eins zu sein, mit sich übereinzustimmen, sich zuzustimmen, in sich zu ruhen, sein zu dürfen und sein zu können. Er weiß: „Ich bin ich selbst.“ Quelle: „Warum nicht“ von Uwe Böschemeyer

Von Hans Klumbies

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