Selbstentblößung ist das Geschäftsmodell sozialer Netzwerke

Viele Menschen denken, wenn sie das Wort Scham hören, zunächst an nackte Körper, denn der Begriff ist sexuell konnotiert. Und doch scheint einiges dafür zu sprechen, dass Scham ein schwindendes Gefühl sein könnte, das vom Aussterben bedroht ist. So haben beispielsweise soziale Netzwerke aus der Selbstentblößung geradezu ein Geschäftsmodell gemacht. Im Internet ist der Mensch oft nicht nur nackt, sondern total gläsern, und es scheint sich niemand mehr daran zu stören. Es gilt das Motto: besser negative Aufmerksamkeit als gar keine, das Zeitalter des Narzissmus ähnelt auch darin der Kindheit. Ja, manches spricht sogar dafür, dass Scham nicht mehr als Tugend gilt, sondern als Makel, dass man sich heute auch und vor allem seiner Scham schämt. Denn wenn sich ein Mensch schämt, geht er auf Distanz zu sich selbst.

Wer beleidigt und demütigt schafft eine Gruppenidentität

Der sich Schämende passt sein Verhalten den Normen einer Gruppe an, während es heute als schick gilt, ganz mit sich selbst identisch zu sein. Wer sich schämt, wird unauthentisch. Die Geschichte der Scham ist eine Erzählung von Gemeinschaft und Individuum, von Norm und Selbstbestimmung. Die Scham kündet vom Drama der Gegenwart: Wer gehört dazu und wer nicht? Beleidigungen, Beschämungen, Demütigungen verbinden Menschen, indem sie sie von anderen trennen. Das wissen auch die Rechtspopulisten, die Angela Merkel ostdeutschen Marktplätzen verhöhnen und verunglimpfen.

Wer beleidigt, beschämt, demütigt, der stiftet Identität, er schafft ein Wir. Je stärker die äußeren Feinde, desto stärker der innere Zusammenhalt. Was im Umkehrschluss bedeutet: Auch die Empörung über eine Beleidigung, über den Ton einer Auseinandersetzung verbindet. Die Historikerin Ute Frevert schreibt: „Eine Gruppe braucht und produziert Außenseiter, gegen die sie sich zusammenschließt.“ Heute beschämt und demütigt nicht mehr der Staat, heutzutage beschämen sich gesellschaftliche Gruppen gegenseitig.

Beschämung ist ein Phänomen zerfallender Gesellschaften

Ute Frevert definiert Demütigungen als politische Akte: Wer demütigt, demonstriert, der stellt den anderen vor Zeugen als machtlos bloß. Bei einem Shitstorm sind die Angriffe auch deshalb oftmals so heftig, weil es den Pöblern darum geht, eine gruppenspezifische Norm als allgemeingültig zu proklamieren. Manches spricht dafür, dass Beschämung ein Phänomen zerfallender Gesellschaften ist – in der sich alle Seiten gegenseitig beschämen, weil jede für sich verzweifelt versucht, die auseinanderdriftenden Seiten der Gesellschaft wieder zusammenzuzwingen.

Donald Trumps Erfolgsrezept in den USA garantier auch der AfD in Deutschland Wahlerfolge. Es zeichnet sich aus durch das Durchbrechen von Sprachverboten, dem Normverstoß und der Schamlosigkeit. Es geht ihren Anhängern darum, sich nicht weiter beschämen zu lassen von einer vermeintlich linksliberalen Medienelite: für antiquierten Nationalstolz, längst überholten Rollenverständnis und antiquierter Sprache. Das wird man wohl noch sagen dürfen, sagen die Anhänger der AfD. Dafür wird man sich wohl noch schämen müssen, die Eliten der Gesellschaft. Quelle: Der Spiegel

Von Hans Klumbies


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