Der Mensch ist in erster Linie ein soziales Wesen

Dass sich Menschen sehr stark an ihren Mitmenschen orientieren und sich von ihnen beeinflussen lassen, liegt in der Natur des Menschseins. Denn Menschen sind in erster Linie soziale Wesen, die darauf ausgerichtet sind, miteinander zu leben, zu kooperieren, Gedanken und Gefühle zu teilen. Ulrich Schnabel erklärt: „Diese Fähigkeit zum Miteinander ist das, was uns gegenüber allen anderen Primaten auszeichnet. Verhaltensforscher beschreiben uns auch als „ultrasoziale“ Spezies, die dadurch charakterisiert sei, dass wir uns ineinander einfühlen und nicht nur unsere eigene Perspektive, sondern auch die des Gegenübers einnehmen können. Wir sind das Tier, das „Wir“ sagt.“ Menschen sind Meister darin, die subtilsten Hinweise auf die Gedanken und Gefühle unserer Artgenossen zu analysieren und uns ganz ohne Worte ein Bild vom Gegenüber zu machen. Ulrich Schnabel ist Wissenschaftsredakteur der Wochenzeitung „Zeit“ und Autor mehrerer erfolgreicher Sachbücher.

Der ersten Eindruck lässt sich niemals wiederholen

Menschen registrieren automatisch Kleidung und Körpersprache des Gegenübers, hören auf die Sprachmelodie und versuchen herauszufinden, ob die anderen ihnen ehrlich begegnen oder ob die Freundlichkeit vielleicht nur gespielt ist. Und oft zählen die emotionalen Eindrücke, die man dabei gewinnt, weit mehr als die Worte, die man austauscht. Der erste Eindruck lässt sich niemals wiederholen. Doch Menschen analysieren nicht nur ihr Gegenüber, sondern imitieren es zugleich oft, ohne es zu merken.

Ulrich Schnabel erläutert: „Lächelt uns jemand strahlend an, beginnen wir automatisch ebenfalls zu lächeln, sehen wir jemanden herzhaft gähnen, überfällt uns ein unwiderstehlicher Drang zu gähnen.“ Wie der schwedische Psychologe Ulf Dimberg gezeigt hat, wird die Gesichtsmuskulatur dabei ganz von selbst aktiv. Auf ähnliche Weise gleichen sich Menschen unwillkürlich der Redeweise ihres Gegenübers an. Sie schwingen sich auf das Sprachtempo des anderen ein, passen sich seinem Duktus und seiner Ausdrucksweise an – denn all das trägt zum besseren gegenseitigen Verstehen bei.

Empathische Imitation lässt sich nicht vortäuschen

Auch synchronisieren Menschen auf verblüffende Weise ihre körperlichen Verhaltensweisen. So greifen zum Beispiel Männer, die gemeinsam in einer Bar sitzen, gerne stets zur selben Zeit zu ihren Drinks. Vom „Chamäleoneffekt“ sprechen Psychologen in diesem Zusammenhang, um die Tatsache zu beschreiben, dass Menschen das Verhalten ihrer Umgebung oft auf erstaunliche Weise imitieren. Diese „Verhaltensmimikry“ läuft dabei übrigens so schnell ab, dass Menschen sie in der Regel weder bemerken noch kontrollieren.

Daher ist es auch kaum möglich, die empathische Imitation der anderen willentlich vorzutäuschen. Ulrich Schnabel erläutert: „Im Gegenteil, wer sich absichtlich darum bemüht, Bewegungen, Sprechweise oder Gesichtsausdrücke seines Gegenübers nachzuahmen, wirkt nicht etwa besonders mitfühlend, sondern eher albern, weil einfach das Timing nicht stimmt.“ Falls also jemand daran denken sollte, beim nächsten Rendezvous die romantische Stimmung durch ein entsprechendes Imitationsverhalten zu befördern, sollte das lieber unterlassen. Quelle: „Was kostet ein Lächeln?“ von Ulrich Schnabel

Von Hans Klumbies

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