Ulrich Schnabel beschreibt den Zirkel der Freude

Das anfängliche emotionale Leben eines Kindes ist einem ständigen Wechselspiel zwischen Erfahrung und Entwicklung unterworfen. Ulrich Schnabel erläutert: „Zwar ist die nötige genetische Grundausstattung in uns allen angelegt, doch die einzelnen Funktionen müssen erst durch die konkrete Erfahrung aktiviert werden.“ Fehlt eine Rückmeldung von außen, verschalten sich zum Beispiel im Gehirn die einschlägigen Neuronen und Areale nicht richtig, sodass sich die entsprechenden Fähigkeiten sich nicht entwickeln können. Zugleich wird in den ersten Tagen und Wochen der emotionale „Grundton“ gesetzt, der für das Gefühlsleben eines Kindes entscheidend wird. Denn das innere Erleben eines Kleinkindes wird vor allem über die emotionalen Reaktionen seiner Bezugspersonen definiert. Wird es babygerecht angesprochen und angelächelt, erlebt sich das Kind selbst als freudeerzeugendes Wesen, das Liebe hervorruft. Ulrich Schnabel ist Wissenschaftsredakteur der Wochenzeitung „Zeit“ und Autor mehrerer erfolgreicher Sachbücher.

Die Gefühle sind der „erste Verstand“ eines Menschen

Das ist für das Kind eine Erfahrung, die sich in sein seelisches Gewebe einprägt und entscheidend sein Selbstverständnis bestimmt. Die Wissenschaft spricht dabei von einer „wechselseitigen kreisförmigen Evokation von Freudereaktionen“ zwischen Eltern und Baby. Ulrich Schnabel nennt Zahlen: „In gut verlaufenden Mutter-Kind-Beziehungen haben Forscher bis zu 30.000 solcher „Freudezirkel“ in den ersten sechs Monaten beobachtet.“ Das vermeintlich „kindische“ Getue von Eltern mit ihren Babys besitzt demnach eine Wichtigkeit für die kindliche Entwicklung, deren Bedeutung kaum zu überschätzen ist.

Die Gefühle sind nicht nur der „erste Verstand“ eines Menschen, sondern auch seine erste Sprache. Denn wer keine Begriffe kennt, muss über emotionelle Ausdrücke kommunizieren, durch jammervolles Weinen, wütendes Gebrüll oder fröhliches Lachen. Und durch die Reaktion der Umwelt wiederum lernt das Kind, was die eigenen Gefühle bewirken. Es ist daher auch kein Wunder, dass Babys anfangs kaum etwas so sehr interessiert wie menschliche Gesichter. Sie beginnen fast vom ersten Tag an, Gesichtsausdrücke zu studieren und die Sprache der Emotionen zu lernen.

Babys zeigen zuerst vier Basisemotionen

Denn an der Mimik des anderen liest das Baby nicht nur die Reaktion aus sein eigenes Verhalten ab, sondern lernt zugleich, sich in der Welt zurechtzufinden. Erst im Spiegel des anderen findet der Mensch zu sich selbst. Wie im Zeitraffer durchläuft ein Mensch in seiner eigenen emotionalen Entwicklung jede Stadien, die das Leben insgesamt im Laufe der Evolution durchschritten hat. Am Anfang steht dabei die grundsätzliche Entscheidung zwischen „angenehm“ und „unangenehm“. Bei Babys lassen sich beispielsweise schon im Alter von zwei bis drei Monaten die ersten klaren Freudereaktionen ablesen – wenig später zeigen sich Wut, Angst und Trauer.

Ulrich Schnabel versteht diese vier Basisemotionen auch als Antworten auf fundamentale Herausforderungen des Lebens: „Gefahr löst Angst aus, die Trennung von wichtigen Bezugspersonen führt zu Trauer, die Erfahrung von Unvermögen ruft Ärger oder Wut hervor, während Erfolgserlebnisse und liebevolle Beziehungen Freude erzeugen.“ Allerdings muss man sich die ersten emotionalen Erfahrungen eher reflexhaft und diffus vorstellen. Was Kinder anfangs empfinden, gleicht wohl jenen rudimentären Formen von Angst oder Freude, die auch Tiere erleben. Quelle: „Was kostet ein Lächeln“ von Ulrich Schnabel

Von Hans Klumbies


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.