Anfangs war die Judenpolitik im Dritten Reich widersprüchlich

Um der außenpolitischen Wirkung willen hatte das nationalsozialistische Regime seine Politik gegen die Juden während der Olympischen Spiele 1936 kurzzeitig zurückgefahren. Danach verstärkten sich die antisemitischen Kampagnen aber wieder und erreichten mit der rabiaten Entrechtung und Drangsalierung der Juden in Österreich seit dem März 1938 einen weiteren Höhepunkt. In zunehmenden Maße ging es den Nationalsozialisten nun um die „Lösung der Judenfrage in der Wirtschaft“. Ulrich Herbert stellt fest: „Die Ziele des Regimes in der Judenpolitik waren allerdings in sich widersprüchlich. Einerseits sollte die Auswanderung der Juden befördert werden, anderseits sollten die Juden ihr Vermögen in Deutschland zurücklassen, um die leeren Staatskassen aufzufüllen.“ Ulrich Herbert zählt zu den renommiertesten Zeithistorikern der Gegenwart. Er lehrt als Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg.

Fast kein Land wollte jüdische Flüchtlinge aus Deutschland aufnehmen

Die Auswanderung war den Juden aber nur möglich, wenn ihnen ausreichend Finanzmittel belassen wurden, damit sie von anderen Ländern überhaupt aufgenommen würden. Da die deutschen Behörden aber die Verfolgung und Diskriminierung weiter verstärkten, um die Juden zur Auswanderung zu veranlassen, und zugleich die „Arisierung“ verschärften, um an das Vermögen der Juden zu kommen, geriet die Auswanderung ist Stocken. Zudem hatte eine internationale Konferenz im Sommer 1938 ergeben, dass fast kein Land bereit war, überhaupt jüdische Flüchtlinge aus Deutschland aufzunehmen.

Am 7. November 1938 wurde in Paris der deutsche Diplomat Ernst Eduard vom Rath von einem jungen polnischen Juden erschossen und starb den Tag darauf. An diesem Abend hatten sich Adolf Hitler und sein Propagandaminister Joseph Goebbels zur Feier des Jahrestags des Hitlerschen Putschversuches am 9. November 1923 mit zahlreichen Parteigenossen in München versammelt. Als die Nachricht vom Tode vom Raths bekannt wurde, befahlen sie allen Parteigliederungen, dass unverzüglich „Aktionen größten Stils mit vollkommen freier Hand für Jedermann gegen Juden einzutreten haben“.

Die Juden sollten eine „Sühneleistung“ in Höhe von einer Milliarde Mark zahlen

Ulrich Herbert nennt die Folgen: „So instruiert, liefen überall im Land SA- und Parteileute zusammen und begannen noch in der Nacht damit, jüdische Geschäfte zu plündern, jüdische Einrichtungen zu zerstören und Synagogen anzuzünden.“ In vielen Städten wurden sie von Passanten unterstützt, in manchen Orten half die Feuerwehr bei der fachmännischen Inbrandsetzung der Synagogen. Mehr als 100 Juden kamen bei den Pogromen ums Leben.“ Die NS-Propaganda apostrophierte die Aktionen als „Ausdruck des Volkszorns“.

Die meisten örtlichen Parteistellen berichteten allerdings, dass die Aktionen in der Bevölkerung auf Unverständnis und Ablehnung gestoßen seien. Ausländische Beobachter waren entsetzt über das Ausmaß an Gewalt, das sich hier offenbarte. Gleichwohl waren Partei und Behörden mit der Aktion nicht unzufrieden, bot sie doch Gelegenheit, die antijüdische Politik erheblich zu verschärfen. Den Juden wurde die Zahlung einer „Sühneleistung“ in der exorbitanten Höhe von einer Milliarde Mark auferlegt. Quelle: „Das Dritte Reich“ von Ulrich Herbert

Von Hans Klumbies

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