Die Armut und die Abhängigkeit unterscheiden sich fundamental

Der amerikanische Sozialpolitiker Daniel Patrick Moynihan stellt fest: „Arm u sein ist eine objektive, abhängig zu sein, auch eine subjektive Bedingung.“ Damit meint er, dass Armut für den Betroffenen kein Grund zur Scham sein muss, vor allem dann nicht, wenn er keine Vergleichsmaßstäbe besitzt, also nur von Menschen seinesgleichen umgeben ist, oder wenn er mit denjenigen, deren besseres Los er zu Gesicht bekommt, keinesfalls konkurrieren möchte. Ulrich Greiner nennt ein Beispiel: „Im Märchen möchte der Arme zwar reich werden, doch seiner Armut schämt er sich nicht. Sie ist eine objektive Bedingung, die er allerdings loswerden möchte, weil sie Not und Entbehrung bedeutet. Ulrich Greiner war zehn Jahre lang der Feuilletonchef der ZEIT. Als Gastprofessor lehrte er in Hamburg, Essen, Göttingen und St. Louis. Außerdem ist er Präsident der Freien Akademie der Künste in Hamburg.

Der Konkurrenzkampf kennzeichnet das Zeitalter der Ungleichheit

Abhängigkeit hingegen ist zuallererst eine subjektive Bedingung, ein gefühlter Zustand. Dabei spielt es laut Ulrich Greiner keine erhebliche Rolle, ob diese Abhängigkeit auch objektiv besteht. Es genügt, dass die eigene Lage als belastend, vielleicht gar als ungerecht empfunden wird. Dafür ist erforderlich, dass der Abhängige hinauf nach oben zu denen blick, von denen er glaubt, sie seien weniger abhängig als er. Und dieser vergleichende Blick muss gar nicht von ganz unten kommen, der Betreffende mag sich sogar in einer relativ komfortablen Lage befinden.

Denn ein potentieller Aufsteiger schämt sich des Makels, dass er in der Gesellschaftshierarchie noch nicht weiter oben angekommen ist. Er gehört zu den zahllosen Wettkämpfern im Streit um Prestige und Anerkennung. Dieser Konkurrenzkampf ist das zentrale Kennzeichen des Zeitalters der Ungleichheit. Ökonomisch gesehen, bildet er den Motor des Kapitalismus. Ulrich Greiner ergänzt: „Wenn aber alle sich mit allen vergleichen sollen oder wollen, dann kommt es vor allem auf die Unterschiede an und darauf, wer die Unterscheidungen bestimmt.

Der moderne Konsument ist prinzipiell unersättlich

Hier öffnet sich das Feld der sozialen und kulturellen Distinktion, das Pierre Bourdieu in seinem Werk „Der feine Unterschied“ beschrieben hat. Ulrich Greiner erklärt: „Auch die Distinktion hat mit Macht zu tun, allerdings weniger mit der Macht des Geldes als mit der des Herkommens und der Bildung.“ Pierre Bourdieu sagt: „Die Kämpfe, bei denen es um das geht, was innerhalb der sozialen Welt zu Glauben, Kredit und Misskredit, zu Wahrnehmung und Wertung, Erkennen und Anerkennung gehört – Name, Ruf, Prestige, Ehre, Ruhm, Autorität –, um das, was symbolische zu verbindlicher Macht werden lässt, betreffen stets nur die „Distinguierten“ und die „Aspiranten“ auf Distinktion.“

Zwischen beiden Gruppen entbrennt laut Pierre Bourdieu der Kampf um den Erwerb jener Merkmale, die am stärksten den Unterschied zwischen den Ausgeschlossenen und den Dazugehörenden markieren. Die Inhaber der von Verbreitung und Vermassung bedrohten Merkmale sähen sich gezwungen, die Bestätigung ihrer Exklusivität in immer neuen Merkmalen zu suchen. Die aus dieser Dialektik hervorgehende Nachfrage ist per definitionem unerschöpflich. Pierre Bourdieus These schließt übrigens die Behauptung ein, der moderne Konsument sei prinzipiell unersättlich. Quelle: „Schamverlust“ von Ulrich Greiner

Von Hans Klumbies

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.