Übermäßiges Lob kann Kindern sogar schaden

Die meisten Eltern erziehen ihre Kinder inzwischen ohne Kälte und Gewalt. Und das ist gut so. Aber einige meinen es mit ihrem Nachwuchs all zu gut. Sie loben jede noch so banale Tätigkeit ihres Sohnes oder ihrer Tochter ohne über die Folgen nachzudenken oder geschweige sie zu kennen. Sie hoffen, dass übermäßiger Zuspruch ihre Kinder in ihrer Entwicklung fördert. Doch viele psychologische Studien beweisen, dass dies ein fataler Irrtum ist. Die Wissenschaftler haben herausgefunden, dass es nicht entscheidend ist, gelobt zu werden, sondern wie, wofür und wann man seine Kinder positiv bewertet.

Lobeshymnen und Mitleid der Eltern wirken negativ auf das Kind

Der Mediziner und Buchautor Herbert Renz-Polster von der Universität Heidelberg sagt: „Die Überzeugung, dass positive Bewertungen immer gut für Kinder sind, ist eine durch nichts bewiesene Annahme.“ Kinder bekämen ein gesundes Selbstwertgefühl nicht dadurch, wenn sie von den Eltern bei jeder Kleinigkeit gelobt werden. Viel wichtiger wäre es, dass die Kinder ihre Erfahrungen selbst als gut einschätzen. Für Herbert Renz-Polster steht fest: „So wenig es dem Kind hilft, wenn Eltern immer gleich in Lobeshymnen ausbrechen oder vor Freude fast einen Anfall bekommen, wenn ihm einmal etwas gelingt, genauso wenig hilft es ihm, wenn die Eltern vor Mitleid zerfließen, wenn etwas misslingt.“

Vor allem wenn Kinder von sich aus positives Verhalten zeigen, raten viele Entwicklungspsychologen davon ab, dies noch zusätzlich mit einem Lob zu verstärken. Joan Crusec, die an der Universität Toronto die Entwicklung von Kindern zu sozialen Wesen erforscht, begründet das wie folgt: „Die Kinder lernen dann nicht, dass sie sich richtig verhalten, sondern dass es eine Möglichkeit ist, Aufmerksamkeit zu bekommen.“ Auch Tadel schadet laut Joan Crusec der Entwicklung eines Kindes. Kinder würden soziales Verhalten dadurch am ehesten lernen, wenn ihre Eltern mit ihnen über die Bedürfnisse und Gefühle anderen Menschen sprechen.

Vergleichendes Lob löst zwei negative Effekte aus

Die Psychologin Carol Dweck, die an der Universität Stanford lehrt, hat sogar herausgefunden, dass Kinder, die übermäßig gelobt werden, unsicher werden. Eltern loben ihre Kinder meist dann generell oder übermäßig, wenn sie unrealistische oder nicht zu Ende gedachte Erwartungen an ihren Nachwuchs haben. Die Psychologen Mark Lepper und Jennifer Henderlong vom Reed College in Oregon geben den Eltern eine Faustregel in die Hand: „Loben Sie aufrichtig! Alles, was zu allgemein, übertrieben oder offensichtlich manipulativ ist, schadet.“

Wenn Eltern ihr Kind mit anderen Kindern vergleichen, können sie sogar gleich zwei negative Effekte auslösen. Ihr Nachwuchs wird zu schlechten Verlierern und erkennen nicht, dass es um eine Sache an sich und nicht allein um den Sieg geht. Herbert Scheithauer, Entwicklungspsychologe an der Freien Universität Berlin, stellt fest: „Es ist für das Selbstwertgefühl eines Kindes sehr nachteilig, wenn es von Eltern die Rückmeldung bekommt, dass das andere Kind besser ist. Loben Sie ihr Kind für Dinge, die es ändern kann und machen Sie immer deutlich, dass es ihre persönliche Meinung ist.“

Von Hans Klumbies

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