Toleranz muss zur Anerkennung führen

Zu den massivsten und erfolgreichsten Kampagnen der Aufklärung zielt auf Religionsfreiheit und Toleranz. Religiöse Toleranz ist als Postulat und als Praxis nicht auf die Frühe Neuzeit und die Moderne und nicht auf Europa und Nordamerika beschränkt, wie eine eurozentrierte Aufklärungshistorie oft unterstellt. Gleichwohl findet sich hier ihre ausdifferenzierteste Form. Die Toleranzdebatte zielt auf religiöse Freiheit sowie auf individuelle Freiheits- und Menschenrechte, ganz im Sinne des französischen Philosophen und Theologen Sebastians Castellios (1515 – 1563), der gegen die Intoleranz geltend gemacht hatte: „Einen Menschen töten heißt nicht, eine Lehre verteidigen, sondern einen Menschen töten.“ Sie verschränkt naturrechtliche, vertragstheoretisch akzentuierte, oft skeptisch getönte, und pragmatische oft ökonomische Überlegungen und richtet sich gegen die Vertreter religiöser Orthodoxie, die eine auf Einheit gerichtete Autorität im kirchlichen und staatlichen Bereich durchsetzen wollen.

Toleranz bezieht sich auf die Duldung eines Übels

Das Problem der Toleranz stellt sich während der Aufklärung nach wie vor in erster Linie im Bereich der Religion. Nicht nur Protestanten und Katholiken stehen in Konkurrenz und Konflikt, sondern auch Lutheraner und Reformierte, Anglikaner und Puritaner, Jesuiten und Jansenisten rivalisieren miteinander, ringen um innerkirchliche, aber auch staatliche Toleranz beziehungsweise Anerkennung. Mit Beginn der Neuzeit wird Toleranz zunehmend zu einem politischen, staats- und verfassungsrechtlichen Problem.

Der Atheismus schließlich markiert während der gesamten Zeitspanne in allen europäischen Ländern der Aufklärungsbewegung die Grenze religiöser und politischer Toleranz. Die Atheisten stellen die höchste Anforderung an die Toleranzbereitschaft der Zeitgenossen, und nur wenige Philosophen, wie Pierre Bayle und die französischen Materialisten, postulieren auch ihnen gegenüber Toleranz. Toleranz als Duldung von etwas als eines Übels bezieht sich auf schlecht, falsch, verwerflich oder schädlich begriffene Glaubensüberzeugungen, Meinungen, Haltungen und Handlungen.

Toleranz soll eine Form wechselseitiger Anerkennung sein

Eine erste mögliche Haltung ist die Duldung des Übels im Sinne eines Verzichts auf seine Beseitigung. Ein zweites mögliches Gebaren besteht in einer aktiven Duldung, die sogar in Anerkennung einmünden kann, wenngleich die Ablehnung des Übels beziehungsweise die Abgrenzung gegen dessen Alterität bestehen bleibt. Der Begriff der Intoleranz bezeichnet die Verwerfung und Beseitigung des Übels. Unter „Indifferentismus“ versteht man die Gleichgültigkeit gegenüber dem von anderen als Übel wahrgenommenen Sachverhalt.

Generell gesprochen, bewegt sich die Aufklärung von einem schwachen, auf Duldung angelegten zu einem starken, auf Billigung weisenden Begriff der Toleranz. Aktive Duldung und Anerkennung treten an die Stelle bloßen Gewährenlassens. Johann Wolfgang von Goethe beschreibt dies wie folgt: „Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.“ Statt einer höflichen Form von Verachtung soll Toleranz eine selbstverständliche Form wechselseitiger Anerkennung sein. Quelle: „Handbuch Europäische Aufklärung“ von Heinz Thoma (Hrsg.)

Von Hans Klumbies


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