Das Thema Pornografie ist stark ideologiegeprägt

Timothy Garton Ash stellt fest: „Pornografie ist seit einem halben Jahrhundert eines der umstrittensten und meistdebattierten Themen in der westlichen Literatur über die Redefreiheit.“ Was ist Pornografie? Ist sie Kunst? Ist sie „Masturbationsmaterial“, wie die feministische Schriftstellerin Catharine MacKinnon verkündete? Ist sie Meinungsäußerung? Ist sie Hassrede? Übernimmt man die Definition von Ogi Ogas: „Alles, was die sexuellen Regionen in unserem Gehirn stimuliert“, dann erstreckt sie sich wahrscheinlich über den Großteil eines täglichen Männerlebens und über eine ordentliche Portion Kunstgeschichte. Im Gegensatz dazu definieren Catharine MacKinnon und Andrea Dworkin den Begriff enger als „die grausame, sexuell explizite Unter-Ordnung von Frauen durch Bilder und/oder Worte. Timothy Garton Ash ist Professor für Europäische Studien an der Universität Oxford und Senior Fellow an der Hoover Institution der Stanford University.

Gegen die Pornografie wird mit möglichen Schäden oder Beleidigungen argumentiert

Die Übel, die die Pornografie angeblich anrichtet, reichen von denkbar schlimmsten Schäden wie dem sexuellen Missbrauch von Kindern bis zu einer ganzen Skala von Rechtfertigungen für Hate-Speech-Verbote, weil sie angeblich „kulturelle Schäden“ in Bezug auf das allgemeine Sozialverhalten anrichtet. Gegen Pornografie wird mit den Begründungen Schaden oder Beleidigung, aber auch aus Paternalismus (oder Maternalismus) und Moralismus argumentiert, um Joel Feinbergs Kategorien zu gebrauchen.

Jo Fidgen, eine Journalistin, die sich als „feministisch und liberal“ bezeichnet, hat die wissenschaftlichen Forschungsergebnisse zum Thema Pornografie sorgfältig analysiert und festgestellt, dass sie stark ideologiegeprägt sind. Ein Beispiel dafür ist die Behauptung eines Kausalzusammenhangs zwischen Pornografie und sexueller Gewalt. Neil Malamuth, der das Material zur Streifrage jahrelang erforscht hat, fasst seine Ergebnisse wie folgt zusammen: „Der Kontakt mit Pornografie hat bei der Mehrheit der Männer keinen negativen Einfluss auf ihre Einstellung zur Gewalt gegen Frauen und zu sexuell aggressiven Tendenzen.“

Catherine MacKinnon charakterisiert Pornografie als Diskriminierung der Frauen

Neil Malamuth muss allerdings zugeben: „Auf eine wichtige Untergruppe von Männern jedoch, nämlich auf solche, bei denen noch andere Risikofaktoren für die Verübung sexuell aggressiver Handlungen vorliegen, hat ein solcher Kontakt mit Pornografie, und insbesondere mit […] Gewaltpornografie, tatsächlich eine negative Wirkung.“ Selbst wenn diese Gruppe nur klein wäre, ist der Effekt natürlich gefährlich, da er die Wahrscheinlichkeit besonders brutaler Vergewaltigungen erhöht.

All das ist jedoch heftig umstritten. Der Angriff auf die Pornografie ist eines der Mittel, mit denen feministische Autorinnen die Haltung der Männer zu den Frauen wenigstens in den westlichen Gesellschaften verändert haben. So ist etwa Catharine MacKinnons Buch „Nur Worte“ ein außerordentliches Stück Rhetorik. Sie verpasst den Männern eine Ohrfeige nach der anderen, damit sie endlich aufwachen und sehen, wie die Frauen behandelt werden. Ihr Werk erhebt Anspruch auf die Gleichberechtigung der Frau, indem es Pornografie als Diskriminierung charakterisiert, treibt aber auch mit der Macht seiner Worte die Gleichberechtigung voran. Quelle: „Redefreiheit“ von Timothy Garton Ash

Von Hans Klumbies

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.