Die Normen einer Gesellschaft muss man immer wieder infrage stellen

Die Normen einer Gesellschaft und einer Kultur ändern sich mit der Zeit. Man muss sie immer wieder infrage stellen. Timothy Garton Ash erklärt: „Darum geht es bei der Redefreiheit: dass man die normative Kraft des Faktischen nicht ohne weiteres akzeptiert.“ Wenn man Probleme, die real sind oder von vielen für real gehalten werden, in der Öffentlichkeit und vor allem in der Berichterstattung nicht anspricht, etwa im Zusammenhang mit Einwanderern, dann bricht plötzlich etwas hervor – explosionsartig, wie zum Beispiel in Form dieses wirklich schlechten und giftigen Buchs „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin. Es wäre viel besser gewesen, diese schwierigen Themen viel früher anzusprechen, aber eben auf der Basis von Tatsachen und mit der Haltung robuster Zivilcourage. Timothy Garton Ash ist Professor für Europäische Studien an der Universität Oxford und Senior Fellow an der Hoover Institution der Stanford University.

Der größte Fortschritt der vergangenen 50 Jahre ist die Gleichberechtigung der Frauen

Die manchmal übertriebene Rücksichtnahme, die viele als einengend empfinden, entspringt eigentlich einem zivilisatorischen Fortschritt: dem Schutz schwächerer Gruppen. Timothy Garton Ash bekennt sich klar zu dieser These: „Völlig richtig. Bei allen Gelegenheiten „Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“, „Er oder sie soll sich bewerben“ zu sagen, ist meines Erachtens ein Beweis für einen der größten Fortschritte der vergangenen 50 Jahre – die Gleichberechtigung der Frauen und der Minderheiten.“

Dies kann allerdings die Konsequenz haben, dass manche viel zu leicht beleidigt sind. Wir dürfen es nicht so weit kommen lassen, dass es ein Liberum Veto der Beleidigten gibt, also das Verbot, über etwas zu sprechen, sobald sich irgendjemand beleidigt fühlen könnte. Auf die Frage, woher die eilige Bereitschaft rührt, sich jederzeit beleidigt zu fühlen, antwortet Timothy Garton Ash: „Es gibt mehrere Theorien: Eine besagt, dass die Generation der leicht Beleidigten in der Kindheit zu sehr behütet und vor Widrigkeiten geschützt war.“

Die Beleidigtheit ist da

Timothy Garton Ash fährt fort: „Eine andere Theorie besagt genau das Gegenteil: Diese Generation wohnt gewissermaßen in der Welt des Internets und erlebt dort tagtäglich Hass und Beschimpfungen. Deshalb will sie an der Universität und anderen öffentlichen Räumen geschützt sein.“ Eine weitere Theorie geht davon aus, dass diese Generation dazu erzogen wurde, beleidigt zu sein. Sie haben gelernt, dass es so etwas wie ein Anrecht darauf gibt. Alle diese Theorien widersprechen einander, und Timothy Garton Ash weiß bis heute nicht, welche die richtige ist. Aber er stellt fest: Die Beleidigtheit ist da.

Auf die Frage, was man dagegen tun kann, antwortet Timothy Garton Ash: „Was ich für ungeheuer wichtig halte, ist der Humor.“ Es ist ein Zeichen für eine gesunde, multikulturelle Gesellschaft, wenn wir uns übereinander lustig machen können. Zu viel Achtsamkeit und auch tierischer Ernst stören dabei. In seinem Buch „Redefreiheit“ zitiert Timothy Garton Ash den israelischen Schriftsteller Amos Oz, der sagt, er sei niemals einem Fanatiker mit Sinn für Humor begegnet und niemals jemanden für Sinn für Humor, der Fanatiker gewesen sei. Quelle: Profil – Das unabhängige Nachrichtenmagazin Österreichs

Von Hans Klumbies


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.