Thomas Rietzschel sieht überall Dilettanten am Werk

Der Kulturgeschichtler und Autor Thomas Rietzschel schreibt in seinem neuen Buch „Die Stunde der Dilettanten“ folgendes: „Je weniger wir Herr der Dinge sind, desto mehr haben wir gelernt, den Anschein zu erwecken.“  Er geißelt darin, dass in der Politik, der Finanzbranche und im Showgeschäft an die Stelle des Könnens die des Wollens getreten ist. Der Dilettantismus breitet sich in Deutschland wie ein Krake aus. Doch Thomas Rietzschel spricht die Normalbürger dabei nicht frei von Schuld, da sie selbst all zu oft nur Dilettanten sind, die sich nur allzu gerner verschaukeln lassen. Thomas Rietzschel studierte Germanistik, Geschichte und Psychologie in Leipzig und ist Herausgeber mehrerer Bücher zur Kulturgeschichte der Moderne.

Ein Dilettant kann die Dinge nicht im Zusammenhang begreifen

Für Thomas Rietzschel besteht die große Kunst der Dilettanten darin, sich und der Welt etwas vorzumachen. Er sagt: „Bildung wird durch die Einbildung, sie zu haben, ersetzt.“ Allerdings schließt der Dilettantismus seiner Meinung nach nicht aus, dass zum Beispiel bei Politikern Fachwissen und großen Expertentum in einem kleinen bestimmten Gebiet vorhanden sein können. Das ist laut Thomas Rietzschel leider zu wenig. Er erklärt: „Was der Dilettant aber nicht kann, ist die Dinge im Zusammenhang zu begreifen. Und damit kann nicht nur der Politiker zerstörend wirken.“

Ein Banker, Politiker oder Manager muss laut Thomas Rietzschel zwar nicht alles wissen, aber zumindest an der Sache, die er vertritt, interessiert sein. Dem Dilettanten ist jegliches Interesse an der Sache abhanden gekommen. Thomas Rietzschel sagt: „Der Dilettant dagegen betreibt die Sache allein, um persönlichen Gewinn aus ihr zu ziehen. Er will sich in einer Rolle spiegeln. Das erleben wir in der Politik ganz ausgeprägt.“ Wieder ist dabei der Normalbürger nicht ohne Schuld, da er sich in seinem eigenen Dilettantismus nicht beirren lassen will und den Schauspielern in der Politik die ganze Macht überträgt.

Der Dilettantismus breitet sich vor allem in leistungsmüden Gesellschaften aus

Thomas Rietzschel beklagt, dass sich der Dilettantismus in Deutschland inzwischen zu einer die Gesellschaft prägenden Lebenshaltung entwickelt hat. Er erklärt, warum dies so ist: „Weil wir heute in der Vorstellung leben, alles sein zu können, was wir sein wollen.“ Jeder kann es mit dieser Einstellung zum Superstar bringen. Dazu kann man gar nicht unbegabt und unwissend genug sein. Thomas Rietzschel ergänzt: „Es wird nicht mehr der geachtet, der etwas kann, sondern der, der es nicht kann und es dennoch versucht, weil er uns in unserer eigenen Unzulänglichkeit bestätigt.“

Laut Thomas Rietzschel hat sich Deutschland in eine dekadente Gesellschaft verwandelt, in der die Menschen sich nicht die Laune, durch die Zweifel an den eigenen Fähigkeiten, verderben lassen wollen. Thomas Rietzschel erklärt: „Dilettantismus ist immer die Erscheinung einer leistungsmüden Gesellschaft. Wir wollen uns nicht mehr den Anforderungen aussetzen, wir wollen in unseren Illusionen bestätigt werden. Insofern machen wir es den Dilettanten, die uns das Eiapopeia vom Himmel versprechen, sehr leicht, uns zu verschaukeln.“

Von Hans Klumbies

 

 

 

 

 

 

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