Die Bildung hat für die Demokratie eine einzigartige Bedeutung

Die Demokratie lebt und fällt mit der Bildung derer, die sich für sie einsetzen, ob sie ihr nun regierend dienen oder ob sie als Bürger mitbestimmen, wer die Gemeinschaft auf welche Art und Weise vertreten soll. Der Brockhaus von 1840 definierte die Demokratie wie folgt: „Die Demokratie ist die Macht der höheren geistigen und moralischen Interessen.“ Wer die Demokratie damals vertreten wollte, brauchte mehr als nur Fachwissen, er brauchte eine Bildung, die ihn in die Lage versetzte, in größeren Zusammenhängen zu denken. Dieselben Bedingungen gelten für die Gegenwart noch umso mehr. Im 19. Jahrhundert gewann die Aufklärung, aus der Philosophie und Literatur hervorgegangen, politische Bedeutung. Mit der Bildung emanzipierte sich das Bürgertum. Dr. phil. Thomas Rietzschel lebt als freier Autor in der Nähe von Frankfurt.

Im 19. Jahrhundert wurde das öffentliche Bildungswesen aufgebaut 

Eine der größten, wenn nicht sogar die größte Errungenschaft des 19. Jahrhunderts überhaupt war der Aufbau des öffentlichen Bildungswesens, worauf die bürgerliche Gesellschaft außergewöhnlich stolz war. An den Universitäten lehrte das Bürgertum, der Geist genoss eine sehr hohe Wertschätzung. Thomas Rietzschel ergänzt: „Auch die in die Breite wachsende Arbeiterklasse, das Proletariat, wollte daran teilhaben. Es entstanden die Arbeiterbildungsvereine, die Vorläufer der Volkshochschulen.“

Heutzutage sind viele der damaligen Errungenschaften der Gesellschaft verloren gegangen, nicht zuletzt das Wissen um die Bedeutung der Bildung für eine Demokratie, die diesen Namen auch verdient. Thomas Rietzschel nennt ein Beispiel: „Das ideologische Brimborium, mit dem die entwurzelte Konsumgesellschaft ihr Schuleschwänzen zu entschuldigen sucht, ist ein dummer Schwindel.“ Vor allem jene haben sich von der Demokratie längst verabschiedet, die es leid sind, sich länger mit der Geschichte zu beschäftigen und mehr zu lernen, als der berufliche Aufstieg erfordert.

Vielen Schülern fehlt ein Grundwissen in Geschichte und Politik

Das gilt laut Thomas Rietzschel auch nicht weniger für jene Politiker, die den Bürgern einreden wollen, es sein an der Zeit, eine ganz neue Kultur zu erfinden, passend zu dem zentralistisch regierten Europa der Zukunft. Ohne, dass sie es noch bemerken, werden die bildungsmüden Menschen, reduziert auf ihre banale Existenz, zu Steigbügelhaltern der Politik. Die meisten Politiker wie Bürger sind aus der Geschichte gefallen und intellektuell verkümmert. Thomas Rietzschel will dabei allerdings keineswegs dem akademisch zertifizierten Hochmut das Wort reden.

Dass nicht jeder Bürger ein studierter Historiker sein kann versteht sich von selbst. Aber so wie jeder Mensch gewisse Formen des Umgangs lernen und beherrschen muss, um mit anderen auskömmlich zusammenleben zu können, so bedarf es eines Grundwissens in Geschichte und Politik, um die demokratischen Verhältnisse aufrecht zu halten. Viele Schüler kennen heutzutage aber leider nicht einmal mehr den Unterschied zwischen einer Demokratie und einer Diktatur, weil sie sich entweder mangels Wissen von beiden keine Vorstellung machen können oder weil die Demokratie, in der sie leben, schon diktatorische Züge angenommen hat.

Von Hans Klumbies

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