Keiner kennt den Ort der ewigen Liebe

Die ewige Liebe ist wie ein Fabelwesen: „Dass es sie gibt, behauptet jeder; wo sie ist, weiß keiner“. Mit diesen wehmütigen Sätzen wird das Publikum in Mozarts Oper „Cosi fan tutte“ auf eine Geschichte aus Liebesschwüren und schnödem Verrat eingestimmt. Glaubt man Romanen, Schauspielen und Filmen, dann lässt sich nur auf eine Weise verhindern, dass die Liebe an den Realitäten des Lebens scheitert. Die Liebenden müssen durch den Tod für immer getrennt werden. Traditionen, mit denen man aufwächst, wie Verliebtheit, Heirat und Familie, kann man leicht für selbstverständlich und naturgegeben halten, obwohl sie es vielleicht gar nicht sind. Thomas Junker erklärt: „Bevor man das tut oder sich gedankenlos am Vorbild der Eltern und Großeltern orientiert, kann es nicht schaden, die verschiedenen Optionen genauer unter die Lupe zu nehmen.“ Thomas Junker ist Professor für Biologiegeschichte an der Universität Tübingen.

Reue ist pure Zeitverschwendung

Nur wer die Einsamkeit in Kauf nimmt, kann etwas Besonderes erleben. Lieber eine begrenzte Zeit das Bett mit Pablo Picasso teilen als für viele Jahre mit einem Langweiler. Das war das Lebensmotto der Malerin Françoise Gilot: „Reue ist pure Zeitverschwendung. Außerdem ist es viel interessanter, mit einem besonderen Menschen etwas Tragisches zu erleben, als ein wunderbares Leben mit einer mittelmäßigen Person zu führen. Es ist ein Irrtum zu glauben, du kannst deinen Frieden mit einem durchschnittlichen Menschen zu finden. Denn oft wird dieser Mensch mehr Zeit brauchen, dich zu zerstören.“

Ganz so positiv wird familiäre und emotionale Ungebundenheit heutzutage meist nicht gesehen. Mit der Tatsache, dass die Zahl der Singlehaushalte in den letzten Jahrzehnten stark angestiegen ist, werden nicht nur verbesserte Möglichkeiten der Selbstentfaltung in Verbindung gebracht, sondern auch pathologische Beziehungsunfähigkeit, moralische Verantwortungslosigkeit und Naturentfremdung. Thomas Junker kennt die drohenden Folgen: „Die Singles bezahlen für ihr Fehlverhalten mit Vereinsamung, Depression und Krankheitsanfälligkeit, die Gesellschaft mit einer Verringerung des sozialen Zusammenhalts und mit Kinderlosigkeit.“

Im Tierreich ist das Leben als Single ein Erfolgsmodell

In Anbetracht dieses düsteren Szenarios ist es auf den ersten Blick überraschend, dass das Leben als Single ein im Tierreich seit Jahrmillionen bewährtes Erfolgsmodell darstellt: Bei mehr als zwei Dritteln aller Säugetierarten ist der Kontakt zwischen den Geschlechtern auf die Paarungszeit beschränkt und rein sexueller Natur. Die Männchen zeigen kein weitergehendes Interesse an den Weibchen und dem gemeinsamen Nachwuchs. Keine Frage, Menschen leben meist ganz anders. Die Mütter sind in ein Netzwerk aus Verwandten, Freunden und anderen Gruppenmitgliedern eingebunden.

Ohne deren Unterstützung verschlechtern sich die Chancen des Nachwuchses dramatisch. Das gilt auch für die Väter, die vielleicht als Single leben, aber kaum echte Einsiedler sind. Es gibt noch einen zweiten Unterschied: Während der Zweck der flüchtigen sexuellen Kontakte bei den einzelgängerisch lebenden Säugetieren in der Fortpflanzung besteht, ist das bei Menschen meistens anders. Wenn man sich auf die Sexualität als Mittel der Fortpflanzung konzentriert, ist die Beziehungslosigkeit zwischen Müttern und Vätern keinesfalls selten: Durch flüchtigen, anonymen Sex kann es zu einer Schwangerschaft kommen, von der die Männer nichts wissen oder nichts wissen wollen und aus der keine weiteren Folgen für sie erwachsen. Quelle: „Die verborgene Natur der Liebe“ von Thomas Junker

Von Hans Klumbies

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