Der Mensch hat einen besonderen Bezug zum Sein

Für den Philosophen Martin Heidegger zeichnet sich der Mensch durch einen besonderen Bezug zum Sein aus. Er steht im Sein, er kann sagen, was ist, und er kann mithilfe von Technik etwas aus der Verborgenheit ans Licht der Welt bringen. Thomas Damberger erklärt: „Um zu verstehen, war Martin Heidegger meint, macht es Sinn, eine Pflanze anzuschauen. Steckt man ein Samenkorn in die feuchte Erde, wird daraus mit etwas Glück eine Pflanze erwachsen. Die Pflanze kommt also aus sich heraus zu sich selbst, sie entbirgt sich.“ Bei einem Stuhl ist das zum Beispiel anders. Der Stuhl wächst nicht am Baum, sondern wird von einem Handwerker hergestellt. Dr. Thomas Damberger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Erziehungswissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

Bei der modernen Technik wähnt sich der Mensch als alleinige Ursache von allem

Dass nun der Handwerker den Stuhl macht, bedeutet nicht, dass er die alleinige Ursache des Stuhls ist. Im Gegenteil: Es ist nämlich so, dass der Mensch dann, wenn er handwerklich, also technisch tätig wird, mehrere Ursachen versammelt. Eine Ursache ist die des Materials. Das Material Holz lässt beispielsweise bestimmte Dinge zu und andere nicht. Daneben gibt es die Formursache. Wenn ein Handwerker einen Stuhl herstellt, hat er eine Vorstellung, also eine Idee davon, wie der Stuhl aussieht.

Die dritte Ursache ist die Zweckursache. Ein Gegenstand wird hergestellt zu einem mehr oder weniger bestimmten Zweck. Und zuletzt ist da die Wirkursache. Thomas Damberger erläutert: „Der Mensch bewirkt durch das Versammeln der Material-, der Form- und der Zweckursache, dass der Stuhl aus der Verborgenheit in die Unverborgenheit gelangt.“ Genau dieses Verständnis hat sich aus Martin Heideggers Sicht im Zuge der modernen Technik verändert. Bei der modernen Technik wähnt sich der Mensch als alleinige Ursache von allem.

Neue Lebensformen sind längst keine Utopie mehr

Der Mensch erscheint dabei als absolutes Subjekt und alles, was ist, als Ergebnis seiner Macht. Und dieses Denken ist für Thomas Damberger gar nicht so abwegig. Die Menschheit ist heute technisch in der Lage, bis in die Molekularebene vorzudringen und völlig neuartige Materialien zu erschaffen, die über Eigenschaften verfügen, die wir ihnen aufzwingen. Darüber hinaus schauen die Menschen heute nicht mehr ins Ideenreich, um Formen zu entdecken, sondern sie selbst machen diese Formen, ja sogar neue Lebensformen.

Thomas Damberger nennt als Beispiel Tierembryonen, die man mit menschlicher DNS versieht. Die Wissenschaft schafft also schon längst Mischwesen aus Mensch und Tier. Auch der Zweck ist nichts mehr, was sich dem menschlichen Zugriff entzieht. Ein Computer wird zwar hergestellt, damit er Informationen verarbeitet, aber der Zweck des Ganzen ist nicht festgelegt. Der Mensch bewirkt im Zuge der modernen Technik scheinbar alles. Er macht, dass etwas ist und dass es so ist, wie es ist. Das betrifft auch den Umgang mit sich selbst und das Verständnis, das er von sich selbst hat. Quelle: „Neue Menschen!“ von Paul Liessmann (Hrsg.)

Von Hans Klumbies


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.