Das Begehren gilt als die eigentliche Dynamik der Zivilisation

Der Begriff „Zivilisation“ bezeichnet eine Welt, die der Mensch mit seinen Händen geschaffen hat. Sie drängt die Natur so weit zurück, dass der Mensch in seiner Umgebung auf fast nichts mehr trifft, was nicht ihn selbst widerspiegelt. Terry Eagleton ergänzt: „Uns fällt es schwer, uns zu vergegenwärtigen, wie neu diese Art von Umwelt ist im Vergleich zu den weitgehend naturbestimmten Lebensweisen, die ihr vorausgingen.“ Terry Eagleton zweifelt nicht daran, dass das Bedürfnis nach einer Befreiung vom kollektiven Narzissmus einer der Gründe ist, warum der Natur in jüngerer Zeit ein so spektakuläres Comeback gelungen ist. Eine Welt, in der fast alles, mit dem man es zu tun hat, aus den Händen des Menschen stammt, scheint jeder Transzendenz entkleidet zu sein. Der Literaturwissenschaftler und Kulturtheoretiker Terry Eagleton ist Professor für Englische Literatur an der University of Manchester und Fellow der British Academy.

Das Begehren wurzelt im Kern des menschlichen Seins

Stattdessen spricht die Wirklichkeit nur von den eigenen menschlichen Bedürfnissen und Fähigkeiten. Vielleicht wurde deshalb das Begehren, das man ja als eine säkularisierte Version der Transparenz betrachten kann, zu einem zentralen Thema der westlichen Zivilisation. Es ist für Terry Eagleton kein Zufall, dass die Faust-Sage eine so große Rolle in der abendländischen Mythologie spielt: „Das Begehren frisst einen Hohlraum in die Menschheit, eine alles überschattende Anwesenheit durch Abwesenheit, und treibt uns über das Gegebene hinaus zu allem, was sich unserem Zugriff entzieht.“

Insofern kann das Begehren als die eigentliche Dynamik zivilisierter Existenz gelten. Man kann die verschiedenen Güter abbilden, nach denen es strebt, aber das Begehren reicht tiefer als Repräsentation. Terry Eagleton erläutert: „Es wurzelt im Kern unseres Seins und bezeichnet zugleich innerhalb unseres Selbst das, was unwiderruflich anders ist als dieses Selbst.“ Für die psychoanalytische Theorie ist Begehren das, aus dem der Mensch zum größten Teil besteht, was aber keine besondere Rücksicht auf ihn nimmt und sich nicht um sein Wohlergehen schert.

Das Begehren erzeugt ständige Unzufriedenheit

Im Gegenteil, das Begehren ist so unpersönlich wie das Mondlicht. Und da es immer neue Preise zu gewinnen gibt, bezeichnet es eine Art Unendlichkeit, für die man einst die historische Bezeichnung „Fortschritt“ hatte. Die Transzendenz liegt nicht mehr im Himmel, sondern in der Zukunft. Terry Eagleton schreibt: „Doch da es einen grenzenlosen Vorrat an Zukunft gibt, bringt das Begehren auch ständige Unzufriedenheit und lässt die literarischen Kanons und politischen Verfassungen zu Asche im Mund werden.“

Das Begehren bezeichnet einen Mangel im Herzen der persönlichen Verwirklichung, eine Verirrung im Sein, eine Heimatlosigkeit des Geistes. Wenn man Sigmund Freud Glauben schenken will, dann ist das einzige Ziel, welches das Begehren zu befriedigen weiß, der Tod. Das ist der Grund, warum Jean-Jacques Rousseau die endemische Unrast der Zivilisation mit solchem Abscheu betrachtete. Auch die Kultur ist Menschenwerk, obwohl der Begriff selbst aus der Natur übernommen wurde. Er geht auf das lateinische Wort „cultura“ zurück, das Pflege, Anbau, Ackerbau bedeutet. Quelle: „Kultur“ von Terry Eagleton

Von Hans Klumbies

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.