Kultur kann als eine Art soziales Unbewusstes verstanden werden

Seit so etwas wie Kultur existiert, hat sie das Zusammenleben der Menschen geprägt. In seinem neuen Buch „Kultur“ plädiert Terry Eagleton leidenschaftlich für die Rückbesinnung auf kulturelle Werte und liefert zugleich eine Anleitung, wie man seine persönlichen Beziehungen vertieft und dadurch zugleich die Zivilgesellschaft stärkt. Da der Begriff „Kultur“ sehr facettenreich ist, nähert sich Terry Eagleton seinem Gegenstand wohlweislich aus verschiedenen Perspektiven. Nachdem er sich mit der Bedeutung des Wortes „Kultur“ auseinandergesetzt hat, beschreibt er anschließend den entscheidenden Unterschied zwischen der Idee der Kultur und dem Begriff der Zivilisation. Danach befasst er sich mit der postmodernen Doktrin des Kulturalismus und unterzieht dabei die Begriffe Diversität, Pluralität, Hybridität und Inklusivität einer Kritik. Der Literaturwissenschaftler und Kulturtheoretiker Terry Eagleton ist Professor für Englische Literatur an der University of Manchester und Fellow der British Academy.

Die Kultur spielt in der Moderne eine sehr bedeutende Rolle

Kultur kann laut Terry Eagleton als eine Art soziales Unbewusstes verstanden werden. Bei seiner literarischen Reise durch die Kulturgeschichte, stellt der Autor die Schriften der Philosophen Edmund Burke und Johann Gottfried Herder vor. Außerdem geht er kurz auf die Vorstellungen von Kultur als sozialem Unbewussten im Werk von T. S. Eliot und Raymond Williams ein. In einem Kapitel über den kühnen und eleganten Kulturkritiker Oscar Wilde fasst Terry Eagleton die bis dahin erörterten Spielarten der Kultur noch einmal zusammen.

Anschließend wendet sich der Kulturtheoretiker der Frage zu, warum die Kultur eine so bedeutende Rolle in der häufig als kulturlos gescholtenen Moderne spielt, und nennt einige Gründe dafür: „Die Wichtigsten davon sind: die Auffassung, die Kultur sei eine ästhetische oder utopische Kritik am Industriekapitalismus, der Aufstieg von revolutionärem Nationalismus, Multikulturalismus und Identitätspolitik; die Suche nach einem Religionsersatz; und die Entstehung der sogenannten Kulturindustrie.“

Der Kapitalismus hat die Kultur vereinnahmt

Außerdem wirft Terry Eagleton einen kritischen Blick auf die Lehre vom Kulturalismus, der zufolge die Kultur die ganze menschliche Existenz betrifft, sowie auf die Frage des kulturellen Relativismus. Zum Schluss führt der Autor mehrere Gründe an, warum er die Kultur keineswegs für so zentral für die modernen Gesellschaften hält, wie es sich die Kulturapologeten einbilden. Denn paradoxerweise büßt die Kultur ihre Autonomie umso stärker ein, je mehr Bedeutung sie als Massenkultur gewinnt und je mehr sie als eigenständiges Phänomen erscheint.

Terry Eagleton hat erkannt, dass der Kapitalismus die Kultur für seine eigenen materiellen Zwecke vereinnahmt hat. „Kreativität“ wird dabei in den Dienst von Erwerb und Ausbeutung gestellt. Als ein Beispiel nennt der Autor den weltweiten Niedergang der Universitäten. Terry Eagleton schreibt: „Die akademischen Institutionen, einst Schauplatz kritischen Denkens, werden wie Wettbüros und Imbissketten zu bloßen Marktorganen. Sie sind heutzutage größtenteils in den Händen von Technokraten, deren Wertvorstellungen sich weitgehend am Immobilienmarkt orientieren.“

Kultur
Terry Eagleton
Verlag: Ullstein
Gebundene Ausgabe: 199 Seiten, Auflage: 2017
ISBN: 978-3-550-08170-5, 20,00 Euro

Von Hans Klumbies

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