Vilém Flusser sieht in der Demkokratie eine Worthülse

Der Philosoph Vilém Flusser, ein Prager Jude, war in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein Medienstar. Die Menschheit kommt laut Vilém Flusser nicht aus den Genen, die sie mit den Affen teilt, sondern Menschheit ist für ihn nur das, was den Menschen von den Affen trennt: die Information. Das Wissen lässt sich weitergeben, eben weil der Mensch sterblich ist und weil Gott nicht existiert. Tiere sind Würmer oder Affen, die in den vier Dimensionen von Raum und Zeit konsumieren, vegetieren und exkretieren. Der Urmensch bricht aus diesem Kontinuum einen Faustkeil heraus. Der Stein verwandelt sich zur ägyptischen Unsterblichkeit der Pyramide. Der Mensche wird zum Jäger, siedelt sich in dunklen Höhlen an, deren Wände er mit Bildern seiner Beutetiere bemalt. Es beginnt die Anbetung der Flächen.

Erich Fromm spekuliert über das richtige Lesen

Was für das Gespräch gilt, trifft gleichermaßen für das Lesen zu, das laut Erich Fromm eine Zwiesprache zwischen Autor und Leser ist oder sein sollte. Selbstverständlich ist es beim Lesen, ebenso wie beim Gespräch wichtig, was jemand liest oder mit wem er redet. Einen kunstlosen, billig gemachten Roman zu lesen ist eine Art des Tagträumens und eine Flucht aus der Gegenwart, die mitunter schmerzt, vor allem in den Zeiten der Wirtschaftskrise. Dieser Lesestoff gestattet keine produktive Reaktion des Lesers, der Text wird geschluckt und verdaut wie eine bedeutungslose Fernsehsendung oder die Kartoffelchips, die der Mensch beim Zuschauen isst.

George Steiner kämpft gegen die Sinnzerstörer

Der Philosoph George Steiner hat einmal über seine Zunft gesagt, dass sie Flöhe im Pelz der Löwen seien. Der große Denker ist von einer grundlegenden weltanschaulichen Perspektive geprägt: dass die heutige Menschheit zu den Spätgeborenen zählt und die wirklich großen Leistungen auf dem Gebiet des Denkens und der Künste in der Vergangenheit liegen. Die gegenwärtigen Philosophen und Künstler leben in dürren Zeiten und sind höchstens der Epilog einer einst vitalen Hochkultur. Sie gehören einem byzantinischen Zeitalter an, das nichts mehr Eigenes schafft, sondern nur die Überlieferungen kommentiert. Sie sind für George Steiner melancholische Bewohner der Abenddämmerung, die in die untergehende Sonne blinzeln. Die einzige vertretbare Haltung gegenüber den Kulturmonumenten der Vergangenheit ist deshalb die Demut.

Philosophie von Immanuel Kant bis John Rawls

Auch der zweite Band der Klassiker der Philosophie richtet sich weniger an Fachleute als an Studienanfänger und philosophisch interessierte Laien. Die einzelnen Beiträge sind von renommierten Kennern der jeweiligen Philosophen verfasst und vermitteln neben einer Einführung in das Werk mit seinen Fragen und Methoden des jeweiligen Denkers auch die sozial- und geistesgeschichtlichen Hintergründe. Der Herausgeber Otfried Höffe ist Professor für Philosophie an der Universität Tübingen.

Das erste Kapitel ist Immanuel Kant gewidmet, der den intellektuellen Höhepunkt und zugleich die Wende der europäischen Aufklärung prägte wie kein anderer Denker seiner Zeit. Kant Schlüsselbegriffe Vernunft und Freiheit waren nichts weniger als die entscheidenden Stichworte des Zeitalters der Französischen Revolution. Höffe geht nach einem kurzen Abriss über das Lebens Kants auf sein Werk ein und erklärt Kants Idee einer transzendentalen Vernunftkritik, die Grundzüge der „Kritik der reinen Vernunft“, der „Kritik der praktischen Vernunft“, der „Kritik der Urteilskraft“, Kants Rechts-, Staats- und Geschichtsphilosophie sowie seine Religionsphilosophie. Eine Analyse über die Wirkung Kants auf das neuzeitliche Denken beschließt das Kapitel.

Der Aufbau der einzelnen Kapitel folgt immer dem gleichen Muster. Es wird zunächst das Leben des Philosophen kurz beleuchtet, im Hauptteil das Werk des Denkers beschrieben und im Schlussteil die Wirkung des Philosophen auf seine Zeit und die nachfolgenden Philosophengenerationen analysiert. Im Kapitel über Hegel heißt es beispielsweise, dass seine Wirkung in den beiden letzten Jahrhunderten nur mit der ganz weniger Philosophen zu erklären ist, da sie sich nicht nur auf Philosophie, sondern auch auf die Öffentlichkeit und Politik sowie die Kunst und die Religion erstreckt.

Zu den Klassikern, die in diesem Buch vorgestellt werden, zählen unter anderen Fichte, Hegel, Schelling, Marx, Nietzsche, Husserl sowie Heidegger, Horkheimer, Adorno und Gadamer. Um sich dem Werk Horkheimers zu nähern, soll noch einmal exemplarisch auf den Mittelteil eines Kapitels eingegangen werden. Horkheimer war wie Marx der Überzeugung, dass die Erkenntnismöglichkeiten der Philosophie nicht ausreichen, um zu verstehen, welche Kräfte die gesellschaftlichen Subjekte davon abhalten, die Widersprüche der kapitalistischen Gesellschaftsform zu erkennen und entsprechend auf ihre Lösung hinzuarbeiten.

In seinem zentralen Text über „Traditionelle und kritische Theorie“, bestimmt Horkheimer den Unterschied zwischen den beiden Theorietypen dadurch, das der kritische Theoretiker sich in der Abgrenzung vom Positivismus wie auch von der Metaphysik seiner historischen und gesellschaftlichen Kontextualität bewusst ist. Er begreift seine Tätigkeit als eine Praxis, die vom Interesse an vernünftigen Zuständen innerhalb einer Gesellschaft bestimmt ist. Das kritische Verhalten ist darauf angelegt, die durch die Herrschaft des Kapitals erzeugten Widersprüche aufzulösen.

Auch der zweite Band der Klassiker der Philosophie eignet sich sehr gut für Leser, die in die spannende Welt der großen Denker einsteigen möchten und sich einen raschen Überblick über die Lebensgeschichten, die Werke und die Wirkungen der Philosophen verschaffen möchten. Umfangreiche Literaturhinweise am Ende eines jeden Kapitels laden zu weiterer, tiefer gehenden Studien ein.

Klassiker der Philosophie 2
Emanuel Kant bis John Rawls
Otfried Höffe (Hrsg.)
Verlag: C.H. Beck
Broschierte Ausgabe: 359 Seiten, Auflage: 2008
ISBN: 9783406568015, 14,95 Euro

Ludwig Binswanger entwickelt die Daseinsanalytik

Sigmund Freud hatte ein tiefes Vertrauen in die materialistischen Dogmen und Denkweisen seiner Zeit, die dem Forschungsgegenstand des Seelenlebens keineswegs adäquat sind, wie Ludwig Binswanger scharfsichtig feststelle. Sigmund Freud schuf eine naturwissenschaftliche Psychologie, die die Idee eines seelischen Apparates vertritt, eine seelisch-sexuelle Energie, die Libido postuliert und in der Sexualität das Psychische allumfassend zu begreifen glaubt. Er zerlegte die menschliche Seele in das Ich, Über-Ich und das Es, die relativ unabhängig voneinander agieren. Alle Veränderungen im Seelenapparat sind angeblich dem Prinzip der Kausalität unterworfen. Ludwig Binswanger war mit solchen Oberflächlichkeiten nicht einverstanden.