Die Traumdeutung des Victor-Emil von Gebsattel

Alle Gründungsväter der Tiefenpsychologie haben eigenständige Theorien über den Traum entwickelt, die zu ihrem Menschenbild und ihrer Weltanschauung passten. Sigmund Freud entdeckte beispielsweise in den Träumen infantile Sexualwünsche, Alfred Adler das Wechselspiel von Minderwertigkeitsgefühl und Machtbedürfnis und C. G. Jung schließlich die Wirksamkeit archetypischer Bestandteile des kollektiven Unterbewusstseins oder verborgener Sehnsucht nach religiöser Erlösung. Victor-Emil von Gebsattel konnte von diesen Traumtheorien nur Teile akzeptieren. Er ist sich der Vieldeutigkeit und Vielschichtigkeit des Träumens bewusst und hegt nicht die Illusion, die flüchtigen Erscheinungen der Tätigkeit des Bewusstseins während des Schlafes durch eine einzige und einheitliche Theorie erklären zu können.

Eine gesunde Seele braucht die offene Kommunikation

Die Grundlage einer Interaktion ist das Verstehen zwischen Ich und Du, das allerdings immer lückenhaft ist. Jeder Mensch kann laut Ronald David Laing nur vermuten, was der andere denkt und meint. Hier tut sich seiner Meinung nach ein Tor zu allen möglichen seelischen Vergewaltigungen auf, wenn eine Person A soviel Macht besitzt, um einer Person B zuschreiben, was diese bewusst oder unbewusst befindet. Ronald David Laing definiert das Unbewusste als jenen Seelenanteil, den der Mensch weder sich selbst noch anderen mitteilt. Es ist kein Sack mit perversen Trieben, sondern ein Teil der Persönlichkeit, der nicht kommunizierbar ist.

Die Sozialpsychologie des Harry Stack Sullivan

Harry Stack Sullivan vertritt den Standpunkt, dass der Mensch ein durch und durch soziales Wesen ist. Jede Person wächst und gedeiht in der Atmosphäre vielfältiger Sozialkontakte. Wer oder was ein Mensch ist, lässt sich seiner Meinung nach nur umschreiben durch die verschiedenen Rollen, die ein Individuum innerhalb der zwischenmenschlichen Beziehungen spielt. Es ist gewissermaßen nichts anderes als die Summe seiner Sozialkontakte. Alle Einstellungen und Akte der Seele verweisen auf den Mitmenschen, nichts gehört einem Einzelnen allein. Sein ganzer psychischer Bestand wird durch Sozialisation und Akkumulation innerhalb der Beziehungen erworben.

Das positive Religionsverständnis von C.G. Jung

In seiner positiven Einstellung zur Religion unterscheidet sich C.G. Jung deutlich von Sigmund Freud und Alfred Adler, die beide Atheisten waren und sich als Erben und Fortsetzer der Epoche der Aufklärung betrachteten. C.G. Jung dagegen wendete sich in einer eigentümlichen Weise zur Alchemie, der christlichen Gnosis, der Mystik und traditioneller Religiosität sowie dem Aberglauben und der Parapsychologie zu. Schon die Doktorarbeit aus dem Jahre 1902 „Zur Psychologie und Pathologie so genannter okkulter Phänomene“ lässt C.G. Jungs Hinwendung zum Aberglauben und Supranaturalismus erkennen. Er erforschte damals jahrelang eins spiritistisches Medium, das angeblich Botschaften aus dem Jenseits mitteilte, zuletzt aber betrügerischer Machenschaften entlarvt wurde.

C.G. Jung lehnt die Theorie vom Ödipuskomplex ab

C.G. Jung schloss sich 1907 mit großem Enthusiasmus der Psychoanalyse Sigmund Freuds an. Seine Vorbildung als Psychiater mit klinischer Erfahrung half ihm dabei, seine Stellung in den nächsten zwei Jahren im Umfeld von Sigmund Freud zu festigen. Er wurde sogar mit ihm zusammen 1909 zu Gastvorlesungen in die USA an die Clark University eingeladen, wo er über die Assoziationsmethode sprach und anschließend mit Ehrendoktorwürde Dr. jur. honoris causa ausgezeichnet wurde.Doch bald kamen unterschiedliche Auffassungen zum Vorschein, die C.G. Jung von der Psychoanalyse weg führten.