Susan Cain kämpft für die Anerkennung der Introvertiertheit

Mehr als dreißig Prozent aller Menschen sind introvertiert. Obwohl sie sich durch so hervorragende Eigenschaften wie Ernsthaftigkeit, Sensibilität und Zurückhaltung auszeichnen, gelten diese laut Susan Cain heute eher als Krankheitssymptom, denn aus Qualitäten. In ihrem Buch „Still“ vertritt sie eine Gegenposition gegen den Trend vieler Ratgeber, die das Selbstbewusstsein über alles stellen. Die Autorin möchte mit ihrem Werk denjenigen Menschen Mut zusprechen, die bisher noch mit ihrem ruhigen Wesen unzufrieden und unglücklich sind. Zugleich wirbt sie bei den Extravertierten für mehr Nachsicht mit den Introvertierten. Susan Cain, die an der Harvard Law School und der Princeton University studierte, arbeitet als Trainerin für Verhandlungsführung und hat eine eigene Beratungsfirma, The Negotiation Company.

Viele Introvertierte verstecken sich vor sich selbst 

Das Leben eines Menschen wird laut Susan Cain von seiner Persönlichkeit ebenso tief beeinflusst wie von der ethnischen Herkunft und der Geschlechtszugehörigkeit. Der wichtigste Aspekt der Persönlichkeit hängt davon ab, ob eine Person extrovertiert oder introvertiert ist. Dies hat starken Einfluss darauf, welchen Partner jemand wählt, wie Individuen miteinander kommunizieren, wie Menschen Konflikte lösen und auf welche Art und Weise sie ihre Liebe ausdrücken.

Susan Cain kritisiert in ihrem Buch „Still“, dass den Menschen eingeredet wird, sie könnten gesellschaftliche Bedeutung nur durch forsches Auftreten erringen und nur mit Kontaktfreudigkeit persönliches Glück erlangen. Viele Introvertierte verstecken sich vor sich selbst, weil sie in einem Wertesystem leben, das vom Ideal der Extraversion geprägt ist, das heißt dem allgegenwärtigen Glauben, der Idealmensch sei gesellig, ein sogenanntes Alphatier und fühle sich nur im Rampenlicht wie in seinem natürlichen Element. Susan Cain schreibt: „Der archetypische Extravertierte handelt lieber, als nachzudenken, ist eher risikofreudig als fürsorglich und zieht Gewissheit dem Zweifel vor.“

Ohne Introvertierte wäre die Welt um vieles ärmer

Susan Cain beklagt, dass die Introversion heute als Persönlichkeitsmerkmal zweiter Klasse gilt und irgendwo zwischen enttäuschenden und pathologischen Merkmalen angesiedelt ist. Introvertierte werden wegen eines Merkmals geringgeschätzt, das sie im Innersten definiert. Susan Cain schreibt: „Die Extraversion ist ein enorm attraktiver Persönlichkeitsstil, aber wir haben sie in eine repressive Norm verwandelt, der die meisten Menschen glauben, entsprechen zu müssen.“  

Susan Cain hält es für einen großen Fehler, wenn jemand das Ideal der Extraversion ungeprüft übernimmt. Ohne Introvertierte wäre die Welt um vieles ärmer. Einige der größten Ideen, Kunstwerke und Erfindungen, angefangen von der Evolutionstheorie über die Sonnenblumen von van Gogh bis hin zum Computer, stammen von eher stillen und feinsinnigen Menschen, die es verstanden haben, in sich hineinzuhören und die Schätze, die in ihrem Inneren verborgen waren, zu heben.

Still
Die Bedeutung von Introvertierten in einer lauten Welt
Susan Cain
Verlag: Riemann
Gebundene Ausgabe: 446 Seiten, Auflage 3: 2011
ISBN: 978-3-570-50084-2,  19,95 Euro
Von Hans Klumbies

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