Stephan Lessenich begibt sich auf die Spur des pätmodernen Kapitalismus

Mitte der 1970er Jahre veröffentlichte der amerikanische Soziologe Daniel Bell unter dem Titel „The Cultural Contradictions of Capitalism“ eine zeitdiagnostische Streitschrift zum Zustand der US-Gesellschaft. Stephan Lessenich erläutert: „Wenn man so will, dann sah Daniel Bell die USA seiner Zeit von einer Art nicht spätrömischer, sondern spätmoderner Dekadenz ergriffen, deren Wurzeln er in der systematischen – oder genauer: normativen – Entkopplung von Kultur und Ökonomie verortete.“ Durch die Entstehung und gesellschaftliche Verbreitung einer „postmaterialistischen“ Kultur, so Daniel Bells Kernaussage, werde die Funktionsfähigkeit der kapitalistischen Ökonomie systematisch unterminiert. Dabei sei es der der durch die lange Phase wirtschaftlicher Prosperität der Nachkriegszeit gewissermaßen selbst induzierte Verlust des die kapitalistische Wirtschaft seit ihren Anfängen durchdringenden und tragenden „Geistes“, der die stabile Reproduktion der industriekapitalistischen Gesellschaftsformation und ihrer Sozial- beziehungsweise Klassenstruktur grundlegend in Frage stellte. Dr. Stephan Lessenich ist Professor am Institut für Soziologie der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Daniel Bell diagnostiziert eine kulturelle Krise des Kapitalismus

Dem Interesse an dem Werk von Daniel Bell liegt die Annahme zugrunde, dass mit der in den „Contradictions“ popularisierten Diagnose einer „kulturellen Krise“ des Kapitalismus zugleich die maßgebliche normative Triebkraft des spätestens in den 1990er Jahren initiierten Transformation des Wohlfahrtstaats in den fortgeschrittenen kapitalistischen Gesellschaften benannt ist. Der „aktivierende“ Umbau ihrer sozialpolitischen Institutionenordnung war eine Reaktion auf die ökonomischen Erfordernisse des „flexiblen Kapitalismus“, deren Befriedigung auch eines tiefgreifenden kulturellen Wandels bedurfte.

Im Zentrum der Argumentation Daniel Bells steht die Diagnose eines gesellschaftlichen Entbehrungsprozesses von weitreichender Konsequenz: Das Motiv der Selbstverwirklichung, das sich historisch im Erwerbsstreben des modernen Arbeitsmenschen manifestiere und die „eine“ Seite der motivationalen Dynamik des kapitalistischen Vergesellschaftungsmodus darstelle, habe sich im Zeichen wachsenden materiellen Wohlstands von seiner bis dahin wirksamen kulturellen Einhegung emanzipiert und sich damit funktional verselbstständigt.

Die Leistungsgesellschaft verwandelt sich in eine postindustrielle Spaßgesellschaft

Laut Daniel Bell werde der Impuls der Selbstverwirklichung des modernen Subjekts nicht mehr durch gegenläufige religiöse oder säkularisierte Dispositionen der Selbstdisziplin und Selbstkontrolle gezügelt und in produktive Bahnen gelenkt. Motive des Verzichts, des Aufschubs von Bedürfnissen, der Selbstbeschränkung gingen verloren, zurück bleibe ein zügelloses, hemmungsloses, unbeherrschtes Wesen. Was Daniel Bell hier beschreibend behauptet, liefe auf einen kulturellen Paradigmenwechsel, einen veritablen gesellschaftlichen Formationswandel hinaus.

Es handelt sich dabei um einen Paradigmenwechsel weg von der alten Arbeitsethik hin zu einem neuen Erlebnisethos, weg von der industriellen Leistungs- hin zur postindustriellen Spaßgesellschaft. Stephan Lessenich erklärt: „Die lange Zeit glückliche Ehe von Kultur und Ökonomie, das Erfolgsgeheimnis des weltgesellschaftlichen Aufstiegs der „westlichen“ Sozialformation, wird in den Augen Daniel Bells geschieden. Die von einer spezifischen normativen Ordnung, einem bestimmten Sozialcharakter getragene wirtschaftlich-technischen Rationalität des modernen Kapitalismus unterliegt den Angriffen einer „irrationalen“, unökonomischen, letztlich antikapitalistischen Kultur.“ Quelle: „Mut zur Faulheit“ von Konrad Paul Liessmann (Hrsg.)

Von Hans Klumbies

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