
Oktober 30, 2010 | Geschrieben von admin-w57 - Kategorie
Psychologie
Sigmund Freud setzte vor 80 Jahren mit seiner Schrift “Das Unbehangen in der Kultur” seine jahrelangen Forschungen fort, das wechselseitige Zusammenspiel zwischen individueller und kultureller Neurose zu beweisen. Damit geriet zum ersten Mal die Pathogenese der kulturellen Gemeinschaften in den Blickpunkt der Forschung. Die Psychoanalyse entwickelte sich zu einer Disziplin der Kulturwissenschaft. Mit seinen Ausführungen veränderte Sigmund Freud die Wahrnehmung der Kultur auf eine radikale Art und Weise. Einer seiner Vorläufer war der englische Philosoph John Locke, der schon im 17. Jahrhundert den Begriff „uneasiness“ geprägt hatte und dieses Unbehagen für den Antrieb des menschlichen Handelns hielt.
Das Unbehangen ist für den Aufbau der Kultur verantwortlich
John Locke ging davon aus, dass die Menschen nur deshalb etwas tun, weil ihnen nicht wohl ist. Blaise Pascal, ein Zeitgenosse von John Locke, schrieb: „Niemals sind die Menschen eins mit ihrer Situation, und allesamt sind sie unfähig, ruhig in ihrem Zimmer zu bleiben. Das Unbehagen ist das Motiv allen menschlichen Handelns, es ist die letzte und tiefste Begründung für den Aufbau der Kultur.“
Seit Sigmunds Freuds Schrift über „Das Unbehagen in der Kultur“, ist die Kultur selbst zu dem Problem geworden, das sie eigentlich einst lösen wollte. Sigmund Freud schreibt von einem Phänomen, das die kulturelle Umgebung voraussetzt. Das Unbehagen reagiert auf die Kultur über das Gewissen, über das Schuldgefühl und das Über-Ich. Jeder Mensch steht als Kulturwesen vor der Aufgabe, die Ursache des Unbehagens aufzuspüren, das beim Konflikt zwischen Triebleben und der Ordnung der Gemeinschaft am deutlichsten zu Tage tritt.
Die Kultur kann ohne Unterdrückung nicht existieren
Wenn der Mensch die Ursache seines Unbehagens entdeckt hat, muss er mit ihm ein Auskommen finden. Dieses Phänomen ist laut Sigmund Freud immer in der Kultur enthalten und als solches unaufhebbar. Die Triebpotentiale der Sexualität und der Aggression haben eine solche Dynamik, dass die Kultur gezwungen ist, sie einzuschränken. Sigmund Freud schreibt: „Die Kultur bewältigt die gefährliche Aggressionslust des Individuums, indem sie es schwächt und durch eine Instanz in seinem Inneren, wie durch eine Besetzung in der eroberten Stadt, überwachen lässt.“
Für Sigmund Freud ist die Kultur aus ihrem eigenen Zentrum her bedroht, eine zutiefst ambivalente, jedoch unverzichtbare Errungenschaft der Menschheit. Er kommt zu dem Schluss, dass die Kultur selbst dafür verantwortlich ist, dass ihr der Mensch feindlich gesinnt gegenüber steht. Dennoch muss die Kultur gegen die Angriffe jedes einzelnen Individuums verteidigt werden. Allerdings sieht Sigmund Freud keine Möglichkeit, die Quellen des Unbehagens zu beseitigen und auf die Mittel der Unterdrückung der Triebe ganz zu verzichten. Jede Kultur ist so aufgebaut und wäre nach dem Verzicht auf gewisse Druckmittel dem Untergang geweiht.
Von Hans Klumbies
Kategorien: Psychologie |
Tags: Aggression, Aggressionslust, Angriff, Antrieb, Blaise Pascal, Druckmittel, Dynamik, Gemeinschaft, Gewissen, Handeln, Individuum, John Locke, Konflikt, Kultur, Kulturwissenschaft, Mensch, Menschheit, Motiv, Neurose, Ordnung, Pathogenese, Problem, Psychoanalyse, Repressalien, Schuldgefühl, Sexualität, Sigmund Freud, Triebe, Triebleben, Triebpotentiale, Über-Ich, Unbehagen, Unbehangen an der Kultur, uneasiness, Unterdrückung der Wünsche, Untergang, Ursache und Wirkung, Wahrnehmung |
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