Der Roman ist das Medium gegen die Zerstreuung des Sinns

Auf die Frage, was das Besondere an der europäischen Gegenwartsliteratur sei, antwortet die mit vielen Preisen ausgezeichnete Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff, dass sie nicht besonders erpicht auf europäische Literatur sein, da sie neue Bücher aus allen Weltgegenden lese. Doch wenn, dann liest sie talentierte Autoren aus Osteuropa. Zu ihren Lieblingen zählen dort der Rumäne Mircea Cărtărescu, der Ungar Lászlá Davarsi sowie der Ukrainer Juri Andruchowytsch. Es sind Schriftsteller, die aus dem Leidensdruck ihrer Lage wirklich etwas machen. Sibylle Lewitscharoff sagt: „Literarisch bedeutet das einen Donnerschlag wie seinerzeit in den siebziger Jahren, als plötzlich die Lateinamerikaner zu lesen waren.“ Ihrer Meinung nach entsteht in jüngster Zeit in Osteuropa eine literarische Bösartigkeit, die sich von dem L`art pour l`art und von den pornographischen Versuchen im Westen Europas deutliche unterscheiden.

Die Eigenschaften kraftvoller Literatur

Zu den ersten Romanen die Sybille Lewitscharoff gelesen hat, zählen jene von Robert Musil, Francis Ponge und Raymond Queneau, die für sie geradezu ein Erweckungserlebnis waren. Später hat sie gerne die Lateinamerikaner gelesen. Von den frühen neunziger Jahren an verschwimmt ihrer Meinung nach die europäische Literatur. Schuld daran ist unter anderem der unaufhörliche Weltzufluss von Übersetzungen als allen Ländern der Welt. Zudem gibt es die Tendenz, sich an der amerikanischen Literatur anzuschmiegen.

Eine Erdung, einen Bezug auf das eigene Land braucht aber Literatur laut Sibylle Lewitscharoff. Sind diese nicht vorhanden, löst sie sich in einem Raum auf, der süchtig nach Erfindungen ist. Die Schriftstellerin erklärt, was sie unter Erdung versteht. „In kraftvoller Literatur kommt beides zusammen: eine innere seelische Unruhe des Schriftstellers und eine konflikthafte Unruhe seines Landes. Beides geht in der Sprache eine unverwechselbare Verbindung ein.“

Gute Literatur schafft einen Sinnkosmos

Sibylle Lewitscharoff hält die Verführung für groß, als Autor die sprachlichen Eigenheiten zu verlieren und sich in einer seichten Form der sogenannten Weltliteratur zu verlieren. Gute Literatur dagegen bringt in einem Schöpfungsakt die Anstrengung auf, ein Thema nicht verläppern und verlottern zu lassen, sondern einen Kosmos mit Sinn zu erfüllen. Sibylle Lewitscharoff sagt: „Der Roman, selbst wenn er mit Absicht zersplittert aussieht, ist das Medium gegen die Zerstreuung des Sinns. Er hält auf.“

Die europäische Empörungsenergie hält Sibylle Lewitscharoff für ein gutes Erbe in Europa. Sie würde in Zukunft gerne ein Buch lesen, das die antiken Heldenepen, verflochten mit den Themen der Bibel, in eine moderne Form bringt, jene Geschichten also, die den Kontinent Europas die Richtung gewiesen haben. Doch die Schriftstellerin kenn die Schwierigkeiten eines solchen Vorhabens: „Aber es ist nicht so leicht, Aphrodite aus einem verdreckten, vermüllten Meer aufsteigen zu lassen, ohne dass sie sich lächerlich macht.“

Von Hans Klumbies

 

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