Seneca zeigt Auswege aus dem Überdruss am Leben

Wer in den Genuss der Seelenruhe gelangen will, muss laut Seneca an sich selbst und an die Richtigkeit des eingeschlagenen Weges glauben. Die Unerschütterlichkeit ist für ihn etwas Hohes, Erhabenes, ja Gottähnliches. Die Griechen bezeichneten diese ausgeglichene Gemütsverfassung als „Euthymia“, die Wohlgemutheit. Seneca nennt diesen Zustand Seelenruhe. Die Aufgabe der Seelenruhe besteht für ihn darin, sich eine Gelassenheit zu erhalten, ohne dabei überheblich oder niedergeschlagen zu werden. Einer der größten Feinde der Seelenruhe ist die Unzufriedenheit mit sich selbst, die einer Sprunghaftigkeit des Geistes und ängstlichen, unerfüllten Trieben entstammt.

Die geistige Unruhe der unschlüssigen Menschen

Diese Menschen sind ständig in Unruhe und Bewegung, wie es Unschlüssigen notwendigerweise zu ergehen pflegt: Seneca schreibt: „Mit allen Mitteln verfolgen sie ihre eigensüchtigen Wünsche; sie überreden, ja zwingen sich sogar zu Schimpflichem und Schwierigem.“ Wenn sie erfolglos sind, ärgert sie an ihrer Schande nur die Zwecklosigkeit. Nicht die Niedrigkeit ihres Wollens bedauern sie, sondern dessen Vergeblichkeit. So packt sie gleichermaßen die Reue über ihr Beginnen und die Angst vor einem neuen Anfang.

Laut Seneca schleicht sich bei solchen Menschen eine geistige Unruhe ein, die nie ein Ende findet, weil sie ihre Begierden weder zügeln noch ausleben können. Er erklärt: „Es kommt zum Stillstand des in seiner Entfaltung gehinderten Lebens inmitten gescheiterter Wünsche zu geistiger Lähmung.“ Begleitet wird diese Hoffnungslosigkeit von Ekel, einem Missfallen an sich selbst, einem gequälten Ausharren in der Mußezeit. Die in die Enge getrieben Leidenschaften beginnen sich gegenseitig zu bekämpfen.

Helfen steigert die Lebensqualität

Wer auf die Erfolge anderer neidisch ist und am eigenen Fortkommen verzweifelt, ist vom Zorn gegen das Schicksal nicht mehr weit entfernt. Seneca schreibt: „Man jammert über den Lauf der Welt, zieht sich in den Schmollwinkel zurück und pflegt seine eigene Strafe, wird ergriffen von Scham und Ekel gegen sich selbst.“ Auch Reisen sind in einem solchen Fall keine Hilfe, da diese Leiden nichts mit bestimmten Örtlichkeiten zu tun haben, sondern mit dem Menschen selbst zusammenhängen.

Seneca rät den Lebensüberdruss zu überwinden, indem man etwas Konkretes tut, sich beispielsweise den Bürgerpflichten und Staatsaufgaben widmet. Er schreibt: „Für den, der sich einmal vorgenommen hat, seinen Mitbürgern und Mitmenschen zu helfen, fallen nämlich eigene Übung und Förderung anderer zusammen: er stellt sich allen Verpflichtungen und fördert so in gleichem Maße – wie er`s eben vermag – Allgemein- und Eigeninteresse.“ Aber selbst ein Leben in Zurückgezogenheit bietet die Möglichkeit einzelnen oder der Allgemeinheit zu helfen: mit geistiger Tat, mit Zuspruch und Ratschlag.

Von Hans Klumbies

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